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„Das Herz spielt mit“ – The Düsseldorf Düsterboys im Interview

Credit Lukas Vogt

Ihr Merkmal ist das Spiel mit Folkmusik und poetischen Texten, doch auch wenn sich die Düsseldorf Düsterboys bei dieser eher traditionell gehaltenen Musik bedienen, ist dies weit entfernt von Deutschtümelei. Ein genauerer Blick auf die Band lohnt sich. Pedro Crescenti und Peter Rubel haben schon zuvor mit ihrem Projekt International Music die Herzen der deutschen Indie-Szene erobert.
Die aktuelle Situation lässt nicht viel mehr Optionen, als sich im Videochat zu treffen. Nicht nur die bandeigenen Meetings finden dort gerade statt, da die Band nicht beieinander ist und sie so zu Zoom-Profis macht, sondern auch dieses Interview. Wo Technik und Menschen am Werk sind, passieren allerdings auch Pannen.

Von welchen technischen Pannen auf Tour könntet ihr mir erzählen?
Pedro: Bei uns läuft immer alles super! (lacht) — Einmal haben wir beim Einladen die Snare, Peters Gitarre und seine Gitarreneffektgeräte im Flur vor dem Proberaum stehen lassen.
Peter: Für eine Tour. Das war richtig kacke. Ich musste dann immer die Bands, mit denen wir zusammen gespielt haben, fragen, ob ich ihre Effekte mitbenutzen kann. Einer wollte das nicht, das fand ich uncool von dem.
(Pedro lacht)

Wenn ich jetzt frage, wie es euch geht, bezieht sich das natürlich auf die aktuellen Umstände. Also wie geht es euch?
Peter: Ziemlich gut. Also gesundheitlich gut und auch sonst gut, weil es gerade eine interessante Phase ist. Mit International Music schließen wir gerade das neue Album ab, indem wir entscheiden wieviele Songs in welcher Reihenfolge drauf sollen, wie das Cover aussieht… das ist gerade sehr spannend. Bei den Düsseldorf Düsterboys sind gerade alle Konzerte ausgefallen, ich arbeite bei einem Projekt in Hamburg mit, deswegen passiert bei Düsterboys gerade nichts, aber das ist auch ok.

Was für ein Projekt in Hamburg ist das?
Peter: „Hark!“ nennt sich das, dort singe ich und spiele Gitarre. Premiere ist theoretisch am 5. Dezember auf Kampnagel, mal gucken, ob es stattfindet.

Im Oktober ist eure aktuelle EP „Im Winter“ erschienen. Wann habt ihr die Lieder geschrieben und aufgenommen?
Pedro: Ursprünglich sollte die EP im August am Record Store Day erscheinen. Bei uns ist es immer so, dass wir noch Lieder von vor Jahren rumliegen haben, aber auch neue schreiben und das durchmischen. Der erste Song „Im Winter“ ist verhältnismäßig neu, die Skizze war aber schon vor den Aufnahmen da. „Komm her zu mir“ zum Beispiel haben wir schon zu den Albumaufnahmen von „Nenn mich Musik“ eingespielt.

Es ist doch spannend, wenn Musik zu einem deutlich späteren Zeitpunkt veröffentlicht wird, als sie geschrieben wurde, wenn die Stimmung und Umstände vielleicht schon andere sind als zuvor.
Peter: Jetzt passen die Lieder sogar noch besser, als ursprünglich geplant. Deswegen ist es eigentlich schön. Außerdem haben wir jetzt die Erfahrung gemacht, dass es vom Gefühl her nicht optimal ist, wenn eine Veröffentlichung zu lange rumliegt. Dann verliert man ein wenig den Bezug dazu. Das ist nicht schlimm, aber es macht mehr Spaß, wenn es schneller rausgeht.

Wie fühlt es sich dann jetzt an, dass alle Konzerte zu der EP abgesagt wurden und ihr sie erst im nächsten Jahr (hoffentlich) nachholen könnt?
Pedro: Das kann ich mir noch gar nicht vorstellen, dass wir erst im nächsten Dezember die Konzerte spielen sollen. Das ist total abstrakt. Aber so schlimm ist das nicht. Es stehen immer wieder irgendwelche Konzerte an. Es kann auch sein, dass wir bis dahin ein neues Programm haben und darauf dann Lust haben. Dann spielen wir das halt, was gerade aktuell ist.

Wie sieht eure Winterroutine aus?
Pedro: Wir stehen jeden Morgen um 8 Uhr auf, klopfen ans Hochbett, damit die anderen auch aufwachen und gucken mit unserer Schlafmütze aus der Decke raus. Einer hat Teedienst, einer Eierdienst und die anderen beiden dürfen länger schlafen.
Peter: Mh.
Pedro: Und dann treffen wir uns zum Frühstück vor dem Kamin. Naja, eigentlich haben wir keine Winterroutine. Es geht immer alles weiter.

„Willst Du nicht mehr bei mir sein“ von der neuen EP ist eines dieser Lieder von euch, welches mich sehr berührt. Das tun einige eurer Lieder. Ist das eine Intention von euch oder einfach eine Seite an euch, die ihr so auslebt?
Peter: Mich berührt unsere Musik auch. Wenn man eine Idee hat und die gefällt einem sehr gut, möchte man da weitermachen und es ist ein Zeichen dafür, dass es einen berührt. Bei den Düsseldorf Düsterboys ist es eher poetische Musik, wo es emotional…
Pedro: …zur Sache geht!
Peter: Genau. Im besten Fall überträgt es sich dann. Es gibt unterschiedlich emotionale Songs. Einige haben eine andere Schwere als andere, die mehr Ironie beinhalten.
Pedro: Das Herz hört mit. Und es spielt mit. Im Idealfall gefällt es allen gleich gut.

Ich habe euer Konzert im Aalhaus in Hamburg im vergangenen Jahr gesehen und die Leute um mich herum und ich haben das Gefühl mitgenommen, dass es ein sehr heiteres, gleichzeitig inniges und berührendes Konzert war. Ihr vermittelt auf der Bühne und in der Musik eine Intimität, an der ihr das Publikum teilhaben lasst.
Peter: Ich denke, dass der Raum in dem wir spielen einen großen Einfluss nimmt auf die Konzertstimmung. Ich hab öfter das Gefühl mitgenommen, dass die kleineren Räume – wenn die Bühne okay ist – uns entgegenkommt, weil da diese Intimität entsteht, wie Du sagst. Wir haben noch nie auf einer Festivalbühne um Viertel nach Fünf gespielt, wo man in so einen komischen offenen Raum spielt. Das Enge passt gut zu der Konzertatmosphäre.

Was macht eure Freundschaft aus?
Pedro: Da möchte ich eigentlich gar nicht so drüber nachdenken.

Ach, ich hatte auf eine kleine Liebeserklärung gehofft.
Pedro: Das sowieso. Die Liebe haben wir aneinander. Und Rücksicht, Zärtlichkeit und Ehrlichkeit.

Kneipen dieser Art wie das Aalhaus sind gerade geschlossen. Sie spielen bei euch insofern eine Rolle, da sie die ersten Orte für eure Auftritte waren. Fehlen sie euch?
Unisono: Ja, sehr. Total!
Peter: Einfach unter Leuten sein. In der Kneipe sein, ist ja oft ein sehr geselliges Erlebnis. Man geht da mit anderen Leuten hin, trinkt, redet Quatsch zusammen oder mit dem Barkeeper oder anderen Gästen. Im Idealfall ein sehr sozialer Rausch.

Was macht ihr, wenn alles wieder den Normalzustand erreicht und Corona soweit im Griff ist? Was möchtet ihr als erstes tun?
Pedro: Meine Oma in Brasilien besuchen.
Peter: Ich will im Club tanzen gehen. Da hab ich voll Bock drauf.

Pedro, um bei Brasilien zu bleiben. Der alte Kassettenrekorder deines Vaters spielt bei euren Aufnahmen eine Rolle – hatte er auch einen Einfluss darauf, dass Du eine eigene Sendung bei ByteFM hast mit dem Titel „Bossa Brasil“?
Pedro: Ich mag Radio als Medium sehr und mache die Sendung sehr gerne, weil ich eine eigene Faszination fürs Radio habe. Mein Vater macht seit zehn Jahren Radio, drei Mal die Woche BBC Brasil. Brasilien bedeutet die Hälfte meines Lebens. Meine Eltern haben am Flughafen gearbeitet, deswegen konnten wir günstig fliegen und ich war viel bei meinen Großeltern und bin mit ihnen aufgewachsen. Peter war auch schonmal da!
Peter: Ja, Karneval in Rio. Und ich habe Pedros Großeltern kennengelernt, das war sehr schön.

Wieviel brasilianischer Einfluss findet sich bei den Düsseldorf Düsterboys?
Pedro: Die Haltung, mit der in Brasilien Musik gemacht wird. Das ist ein Land, das ganz innovativ ist in Bezug auf Technik und Qualität. Eine unglaublich faszinierende Musiklandschaft. Der Sound der klassischen Gitarre in der Popmusik hat für mich persönlich Einfluss aus der brasilianischen Musik.

„Im Winter fallen die Blätter auf den Weg“ ist ein sehr typisches Lied für euch, da es sehr spielerisch angelegt und gleichzeitig poetisch ist. Da fährt zum Beispiel ein hupendes Schiff durchs Lied. Wie seid ihr musikalisch geprägt oder was nimmt Einfluss auf euren Prozess des Musikschaffens?
Peter: Musikalische Einflüsse sind sehr divers und gar nicht so interessant wahrscheinlich. Ich glaube, was ich so an Popmusik höre, die in diese Richtung geht, ist klassische Musik aus den 60ern. Beatles, Kinks, Velvet Underground ganz klar. Es gibt so eine Platte von Zupfgeigenhansel, zwei Stuttgartern, die in den 70ern deutsches Liedgut interpretiert haben. Deutsches Liedgut klingt heikel, ist es auch, aber das ist für mich eine ganz andere Art, folkige Musik mit deutschen Texten zu verbinden.
Pedro: Ich finde es schwierig über Einflüsse zu sprechen, weil die Lieder in ganz unterschiedlichen Situationen entstehen. Zu zweit, am Abend, zu viert… „Im Winter fallen die Blätter auf den Weg“ war eher eine Improvisation, die wir zufällig mitgeschnitten haben und im Nachhinein in diese Form gebracht haben. „Willst Du nicht mehr bei mir sein“ hat einen sehr langen Weg hinter sich, da stand der Text erst nach zwei Jahren. So entsteht jedes Lied auf eine andere Art und Weise. Was sie miteinander verbindet, sind die gedachten Akustikgitarren, welche das folkloristische Element darstellen, von dem du und Peter gesprochen haben. Das beginnt sich bei uns gerade zu verändern, dass wir mehr im Bandschema denken.

Ich finde es sehr spannend, dass ihr mit dem 82-jährigen Illustrator Hans Joachim Behrendt zusammengearbeitet habt. Der ist ja nun zu einer anderen Zeit aufgewachsen, wurde anders geprägt und hat sich dennoch in eure Musik einfühlen können, um für euer Album „Nenn mich Musik“ zu jedem Lied ein Bild zu erstellen. Wie erklärt ihr euch das?
Peter: Ich habe ihn nie kennen gelernt – am Telefon klang er nach einem sehr feinen Mann – aber ich kann mir vorstellen, dass unsere Musik ihm erstaunlich nah war, weil wir in der Liedermachertradition stehen. Ich kenne mich da nicht besonders gut aus, aber es gab in den 60er Jahren eine Zeit dafür mit Hannes Wader, Reinhard Mey…
Pedro: … Franz Josef Degenhardt
Peter: Genau. Ich kann mir gut vorstellen, dass der solche Musik gehört hat. Vor allem bei dem Album sind wir dem klanglich sehr nah, dass könnte eine Platte aus den 60ern sein. Außerdem kann ich mir vorstellen, dass ihm das nicht so fremd war.

Ich finde das richtig schön, euer generationenübergreifendes Projekt. Wie habt ihr zueinander gefunden?
Pedro: Das war totales Glück. Total geil.
Peter: Ich bin über Umwege auf Facebook auf ihn gestoßen und habe den Kontakt erfragt. Ich habe ihn angerufen, er fand das alles sehr interessant, also hab ich ihm ne CD gebrannt und alle Texte aufgeschrieben. Das nächste Mal, als wir telefoniert haben, hatte er schon die Idee für jedes einzelne Lied alles jeweils in einem Kreis anzuordnen. Das war perfekt.

Da man euch in der Folklore-Ecke einordnet, die klanglich eher traditionell ist – inwiefern lasst ihr aktuelle Diskurse bei euch einfließen? Wollt ihr das überhaupt?
Peter: Als explizites Thema fließt das nicht in unsere Musik ein.
Pedro: Tagesaktuelle Themen werden in unserer Musik nicht bearbeitet. Eher in einer Meta-Diskussion wie politisch man sein möchte, wie wichtig es ist, neben politischen Personen auch eine politische Band zu sein… aber ich glaube, was heutzutage total wichtig ist, ist Ambiguität und Vielfältigkeit und damit auch eine gewisse Offenheit. Durch die Art wie wir Musik machen, geht es nicht am zeitaktuellen Diskurs vorbei.

Vielen Dank für eure Zeit und die Einblicke. Wir freuen uns alle, wenn ihr wieder spielen dürft. Wie verabschiede ich euch am Besten?
Pedro: Ach, meistens sagt man einfach Tschüß!
Tschüß!

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Helen
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