Start Musik „Crazy crazy Stade“ – So war das Müssen alle mit Festival 2018

„Crazy crazy Stade“ – So war das Müssen alle mit Festival 2018

Das „Mamf“ wie es liebevoll abgekürzt werden darf, fand dieses Jahr zum sechsten Mal in der niedersächsischen Hansestadt Stade statt. Für alle, die es nicht wissen, zählt Stade keine 50.000 Einwohner, zeichnet sich durch seine unmittelbare Nähe zum Alten Land und dem Unterlauf der Elbe aus und hält Anreisenden aus Hamburg nur eine Distanz von ca. 45 Kilometer bereit. Mittelstadt-Idylle mit Nähe zum hippen Hamburg. Der Name ist hier Programm, denn das Festival zeichnet sich besonders durch seine Familienfreundlichkeit aus und bietet den Besuchern mit einer großen Wiese im Bürgerpark genug Fläche es sich gemütlich zu machen, was die Meisten mit einer Picknickdecke ausgestattet auch gerne tun. Ein abwechslungsreiches Angebot an Foodtrucks sorgt auch bei Veganern und Gourmets für Zufriedenheit, gratis Wasser und Malstände für die Kids verbreiten bei der ganzen Familie gute Laune. Das ganze beteiligte Team vom Security zum Bändchenausgeber ist gut gelaunt und freundlich – Love, Peace, Happiness.

Nicht einmal die Absage aufgrund von Krankheit bei Turbostaat nur zwei Tage vor dem Festival kann die Besucher aus der Ruhe bringen. Bei der Facebook-Veranstaltung werden zahlreiche Genesungs-Wünsche ausgesprochen – nicht die üblichen Shitstorms wie man sie aus den sozialen Medien kennt – und Kettcar als Ersatz verkündet. Am Ende scheint es fast, als sei es ein wenig egal wer denn nun auftrete.
Wer auf dem „Mamf“ Stagediving oder Bierduschen sucht, kann gleich zu Hause bleiben. Mit Acts wie Goldroger, ursprünglich Turbostaat oder Die Nerven im Programm hätte man dies vielleicht vermuten können, aber nein. Die „Mamfer“ sind raus aus den wilden Zwanzigern, hier ist das Durchschnittsalter in den Enddreißigern/Vierzigern und da hat man eben andere Prioritäten als pure Ekstase.

Rocko Schamoni sorgt am Nachmittag für einige Schmunzler und begrüßt das Publikum gut gelaunt zu seinem „Kaffeekränzchen“. Der Aufruf zur Antirassistischen Parade am 29. September am Hamburger Rathausmarkt sorgt für positive Reaktionen, denn das ist hier genau die richtige, aufgeklärte Zielgruppe. Das Orchester, das ihn bei seinem Programm begleitet, ist nicht auf der Bühne sichtbar, denn „es ist zu groß für Stade, daher schalte ich sie per Skype aus einer Halle in Neumünster dazu“. Es folgen „Ist das wieder so’ne Phase?“ und das FSK-Cover „Was kostet die Welt?“ mit zwischenzeitlicher Unterbrechung Schamonis und Ansage Richtung iPad an das vermeintlich zugeschaltete Orchester: „Ey Orchester, falsches Tempo, ihr Idioten“. Das Publikum ist eher verhalten – „Crazy crazy Stade! Das hab ich noch nie erlebt“, kommentiert Schamoni das.

Zwischen den Acts auf der Hauptbühne singen der sympathische Moderator Ove und sein Bandkollege Sönke von Torpus & The Art Directors den Kleinen im hinteren Bereich des Festivalgeländes in intimer Runde ein paar Lieder. Das ist ganz bezaubernd und kommt auch extrem gut an beim Nachwuchs. Hier wird wirklich an alle gedacht!

Die Nerven ziehen wie gewohnt ein mitreißendes Set ab mit Songs wie „Barfuß durch die Scherben“ und „Angst“. So richtig scheint sie aber niemand zu kennen: Im Kontrast zu ihrem energetischen Auftritt – vor allem Schlagzeuger Kevin Kuhns grimasseschneidendes Spiel sei hier erwähnt – steht das unbeeindruckte Stader Publikum. Kuhn steht wie von der Hummel gestochen mehrmals auf, geht mit irrem Blick zum Rand der Bühne und fordert das Publikum auf aus sich raus zu gehen „Ja auch Du, der so lustlos guckt“. Eine kleine Fingerübung von Sänger Max Rieger bewegt dann doch viele zum Mitmachen und eine Klatschübung im 4/4-Takt bringt sogar die Stader ein wenig mehr in Rage.

Der Turbostaat-Ersatz in Form von Kettcar kommt bei dem Publikum gut an. Bassist Reimer Bustorff bedankt sich herzlich „Ich hoffe, wir haben uns würdig erwiesen“ und gibt zu: „Wenn man unerwartet eingeladen wird, fragt man sich schon, ob die Leute von den Picknick-Decken aufstehen. Bei einem Konzert von Eagly-Eye Cherry rief mal einer ‚Spiel deinen Hit und dann hau ab!‘ – zum Glück haben wir nie einen Hit geschrieben“ – was man bei ihrem letzten Song „Landungsbrücken raus“ nicht behaupten kann, denn das Publikum singt selig mit.

Die seit beinahe dreißig Jahren bestehenden Urgesteine The Notwist füllen den vorletzten Slot des Tages. Aufwendiges Treiben und reger Aufbau auf der Bühne kündigen Großes an. Die Bühne ist rappelvoll mit Instrumenten jeglicher Art von Keyboard über Xylophon bis Plattenspieler. Die brauchen die Multiinstrumentalisten, die sich zu sechst die Bühne teilen, allerdings auch. Beim Opener wechseln die Mitglieder einmal alle ihre Instrumente durch während sich ein vielschichtiger, instrumentaler Soundteppich aufbaut. Lieder wie „Pick Up The Phone“ gehören zu ihrem Set, das in seiner Komplexität alle anderen Bands des Tages in den Schatten stellt. Bei all dem Picknick-Feeling des Tages zeigt sich das „Musikperlen-Kennertum“ des „Mamf“ an dieser Stelle sehr deutlich.

Im Einbruch der Dunkelheit sind die Decken auf der Wiese geräumt und die Musik steht ganz im Mittelpunkt. Leider hat die Band bei den letzten drei Liedern mit Soundproblemen zu kämpfen, doch als der Sound wieder einsetzt, jubeln die Menschen begeistert ohne jeglichen Groll – entspannt und wohlwollend ist nun einmal das Müssen alle mit-Publikum .