Start Musik Album der Woche Album der Woche: U.S. Girls – In A Poem Unlimited (Kritik)

Album der Woche: U.S. Girls – In A Poem Unlimited (Kritik)

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Versuche, sich von Künstlerseite aus verschiedentlichm meist industriell heruntergewirtschaftete Pop-Spielarten wieder anzueignen. Musiker wie Dan Bejar (Destroyer), Devendra Banhart, John Maus oder Neon Indian übten sich mit Hilfe unterschiedlicher Verfahren daran, die in Nicht-Genres wie Yacht Rock, Lounge oder Muzak verschrotteten Zeichen aufzupolieren und sie wieder in den Kreis des Nutzbaren zu integrieren. So erflogreich man diese Projekte als ironisches Abfeiern in die Jahre gekommener und damit harmlos gewordener Geschmacklosigkeiten begreifen kann, so sehr bewegen sie sich damit selbst stets an der Grenze zum Kitsch, zur Eigenparodie, findet man nicht eine eigene Sprache, kurz: etwas, das sich mit diesen Zeichen über ihre bloße Ausstellung aus solche hinaus anstellen lässt.

Wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen hat sich auch Meg Remy unter dem Projektnamen U.S. Girls aus den Tiefen der Lo-Fi-DIY-Szene auf den Weg ins Herz der durchkonzipierten, vollends ausproduzierten und damit toten Funktionsmusik gemacht, lässt jedoch – und das ist der erste große Trumpf, den “In A Poem Unlimited” auf der Hand hat – nahezu jegliche ironische Distanznahme vermissen. Gerade in der ersten Albumhälfte mischt Remy, gemeinsam mit einem Ensemble aus insgesamt 20 Musikerinnen und Musikern, Versatzstücke Disco, 60s Pop und Jazz so zusammen, wie es über den Umweg von Tarantino-Soundtracks und Trip Hop auch bei den entsprechenden B- und C-Versionen in Form kurzlebiger Kollaborationen und Compilations der Fall war. Dabei gibt es jedoch zwei grundsätzliche Unterschiede: Remy schreibt in diesem Feld wunderbare, wechselhafte, keinesfalls abgetakelte Musik und lädt diese in den Texten erneut politisch auf.

Das lyrische Zentrum bildet die Betrachtung der gesellschaftlichen Rolle der Frau aus der Einzelperspektive heraus, mit stetem Blick auf sexuelle, zwischenmenschliche und politische Machtverhältnisse. Remy säuselt da, mal an Nina Persson, mal an Kylie Minogue gemahnend, dem Hörer ihre Enttäuschung über einen nicht vollzogenen, einst versprochenen politischen Wandel (“M.A.H.”) oder die Möglichkeit einer gewaltsamen Umkehr der Geschlechterunterdrückung (“Velvet 4 Sale”) ins Ohr. Betreibt man die Lektüre dieser Songs nicht allzu genau, lassen sich solche Botschaften leicht überhören, zwischen den beschwingten Streichern, den lässigen Beats, der behutsam twangenden Gitarre oder dem anschmiegsamen Saxophon.

Doch Remy liefert hier weit mehr als eine lediglich lyrisch gebrochene Reinszenierung bekannter Standards; immer wieder schimmern die Brüche auch formal erkennbar durch, im vielsagenden Interlude “Why Do I Lose My Voice When I Have Something To Say?” ebenso wie in “Incidental Boogie”, das von einer vage an guten, alten Industrial erinnernden, demolierten Gitarren heimgesucht wird, während die sich die Protagonistin des Songs in einer Rechtfertigung der ihr widerfahrenden, häuslichen Gewalt übt. Mit einem weniger ausgebufften Arrangement könnten derartige Momente leicht zu plakativen Kampagnensongs verkommen, doch Remy weiß genau, wo sie welches Stilmittel platzieren muss, damit es in richtigem Maße beunruhigend und verunsichernd wirkt, ohne das Bild in Richtung Eindeutigkeit kippen zu lassen. Wäre “Incidental Boogie” wirklich Industrial, könnte man schulterzuckend einen Haken hinter die Sache machen, es als Zitat verbuchen und weitermachen. In dieser Form kratzt das Zitat jedoch lediglich an der Oberfläche, dringt aber nicht klar benennbar hindurch und bleibt damit ein wundervoll ungreifbarer Störfaktor.

Vollends entfaltet sich das musikalische Potential des Albums dann im Closer “Time”, der nach einigen erratischen Zeilen das Verhältnis von Raum und Zeit betreffend einfach in ein frei assoziiertes Feld aus Psychedelic, Fusion und Weltmusik driftet, um das sonst so eng geschnürte Hit-Korsett nachdrücklich aufzusprengen. Dabei wirkt keines der klanglichen Zitate aus “In A Poem Unlimited” wie eine Farce, weder der behagliche Lo-Fi-Bossanova von “Pearly Gates”, noch die Glam-Anleihen in “Rage Of Plastics”. Stattdessen kapert Remy diese Formen, die jahrelang für das inhaltsleere Wiederholen (und damit auch Konservieren) von Klischees genutzt wurden, um eben diese mit einer selbstbewussten, reflektierten Version der braven, devoten, von Zeit zu Zeit auch verführersischen Frauenstimmen zu füllen, die in den entsprechenden Genres eigentlich vorgesehen sind. Ambivalenzen, die bei derartigen Prozessen zwangsläufig erzeugt werden, bleiben stehen, werden kunstvoll ausgestellt und damit ist “In A Poem Unlimited” eben weit mehr als ein Statement, das man eben schnell wegkonsumiert oder ein Witz, über den man nur einmal lacht.

“In A Poem Unlimited” erschien am 16.02. via 4AD auf Platte, CD und digital. Credit für das Titelbild: Colin Medley.

Sebastian stammt aus Saarbrücken, lebt und studiert gerade aber in Münster. Konzerte besucht und Musik hört er dort ebenfalls, wovon gelegentlich hier zu lesen ist: http://mordopolus.tumblr.com/