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Album der Woche: Love A – Nichts ist neu (Kritik)

Münster, 11. Mai 2017: Jörkk Mechenbier steht auf der Bühne des Gleis 22, kündigt gleich mehrmals mit dem Temperament eines angeschickterten Zirkusdirektores eine „Weltpremiere“ an und weiß vermutlich, dass er und seine Band gerade wenig falsch machen können, trotz beharrlicher „Freibad“-Rufe aus dem Publikum. Dass die Leute sich so fest an ein mittlerweile auch schon fünf Jahre altes Stück klammern verrät ja auch etwas darüber, welchen Status Love A erreicht haben, zumal das Publikum den neuen Stücken des Albums „Nichts ist neu“, die sie mehrheitlich noch gar nicht kennen können, keineswegs ablehnend gegenüber steht. Und das, obwohl diese Songs wenig Anlass zu ausgelassener Stimmung geben.

Der Fährte des Vorgängers „Jagd und Hund“ folgend haben sich die (Exil-)Trierer auf ihrem vierten Album noch weiter in Richtung Postpunk und New Wave bewegt, ohne dabei fundamentale Experimente zu wagen. Mechenbier hat sich derweil fast vollständig vom Ätzen verabschiedet, das seine Texte zu Zeiten des Debüts „Eigentlich“ ausmachte. Stattdessen herrscht Tristesse, die wie im Fall des Openers und Quasi-Titeltracks „Nichts ist leicht“ auch mal in Richtung Schwermut abdriftet und sich gegenüber positiver, gesellschaftlicher Veränderung kaum optimistisch zeigt.

Den Unterschied zwischen der alten, augenzwinkernden Zankwut und der neuen Empathie markiert besonders pointiert „Nachbarn II“, das die hämischen Mordfantasien des schlicht „Nachbarn“ betitelten ersten Teils mit einem finsteren Fazit bezüglich des menschlichen Zusammenlebens kontrastiert. Auch wenn dabei immer wieder das deutsche Kleinbürgertum mit all seinen Macken ins Visier genommen wird, schont Mechenbier keineswegs die eigene Perspektive.

„Treeps“, einer der wenigen wirklich punkigen Songs des Albums, berichtet von alkoholgeschwängerter Resignation angesichts der aussichtslosen Lage, während „Sonderling“ die inneren Widersprüche sogenannter alternativer Lebenskonzepte auseinandernimmt. Wenn der Refrain resümiert, dass der titelgebende Charakterkopf am Ende lacht, „weil er weiß, dass all das Falsche sein Richtig wichtig macht“, dann schwankt das gekonnt zwischen Satire und Hommage. Einfache Antworten sollen hier keineswegs geliefert werden, stattdessen sollen gerade jene „Fragen, auf die es keine Antwort gibt“ gesucht werden.

Groß ist der zugehörige Song jedoch auch wegen seiner Funk-infizierten Strophe, die für die Beweglichkeit des bandeigenen Klangkonzepts steht. Allgemein zeichnet sich dieses jedoch vor allem durch hallgetränkte Post-Punk-Gitarren aus, die sich auch mal offensiv an den richtigen Vorbildern orientieren dürfen und den direkten Vergleich nicht scheuen müssen: Alleine „Die Anderen“ klingt wie eine sehr gekonnte Kombination aus The Cure und Johnny Marr und zählt damit zu den musikalisch versiertesten Momenten der Platte.

Textlich verfolgt der Song mit seinem Plädoyer für ein weniger hasserfülltes Miteinander einen weiteren markanten Strang, der „Nichts ist neu“ auszeichnet. Nur im Zusammenspiel mit diesem Aspekt ergibt die hier gelieferte Gesellschaftskritik, wie sie mustergültig in „Löwenzahn“ oder „Unkraut“ zu finden ist, Sinn; Love A haben sich schließlich nicht vom Punk frei gemacht, um am Ende doch wieder an Gemeinplätzen hängen zu bleiben, sondern um einen neuen Zugriff auf die alten Themen zu entwickeln.

So handelt das Album bei aller Bereitschaft, zeitgenössische Probleme aufzuzeigen, vor allem davon Wege zu finden, wie ein Zusammenleben trotz aller Konflikte möglich sein kann. Das bereits vorab veröffentlichte „Kanten“ wählt dabei als Ausgangspunkt eine romantische Beziehung, die jedoch als Platzhalter für jegliche von Akzeptanz und Rücksicht geprägte Zwischenmenschlichkeit dienen kann. Am Ende klassifiziert uns Mechenbier ohnehin, mehr schulterzuckend denn sozialromantisch, alle als Verlierer innerhalb dieser Gesellschaft. Eine Feststellung, die erst mal verdaut werden will. Vor diesem Hintergrund scheint es jedenfalls beinahe programmatisch, dass „Freibad“ Münster am Ende des Abends verwehrt wird.

„Nichts ist neu“ erscheint am 12.05. via Rookie Records auf Platte, CD und digital.

Hier geht’s weiter:  „Wir haben Glück, dass wir so beharrlich waren“ – Jörkk Mechenbier von Love A im Interview

„Nichts ist neu“ Albumstream

Sebastian
Sebastian stammt aus Saarbrücken, lebt und studiert gerade aber in Münster. Konzerte besucht und Musik hört er dort ebenfalls, wovon gelegentlich hier zu lesen ist: http://mordopolus.tumblr.com/

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