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Gibt eine über Jahre liebgewonnene Band ihre Auflösung bekannt, bietet das im Grunde wenig Anlass zur Freude. Im Falle von The Dillinger Escape Plan, einem Quintett, das mit seinem Debüt gleich ein ganzes Genre rasierte und sich erst im Anschluss die Zeit nahm, Stück für Stück den neu gewonnenen Platz zu erkunden, kam die Nachricht vom (zumindest vorläufigen) Ende jedoch gerade recht, obschon und gerade weil mit „Dissociation“ ein hervorragender Schlussakt nach den zuletzt aufgetretenen Ermüdungserscheinungen gelingt.

Wo die Verbindung von Mathcore-Keilerei und Schöngeistigkeit in der Vergangneheit dazu tendierte, in Beliebigkeit zu versinken, da führen The Dillinger Escape Plan hier noch mal geschickt zusammen, was sie in ihrer knapp 20-jährigen Existenz erarbeitet haben. Dass sich das über 50 Minuten Spielzeit erstreckt, mag an manchen Ecken arg fordernd erscheinen, gibt aber genug Raum, um noch mal die ganze Bandbreite an bandinternen Möglichkeiten abzurufen und gar ein paar Facetten offenzulegen, die noch nicht vollends erschlossen waren. Anteil daran hat vor allem Greg Puciato, der erneut zwischen übersteuertem Ausraster und melodieverliebter Schwelgerei changiert, seine bisherige Leistung in all diesen Belangen sogar ans Limit führt.

Bei so viel Maximierung könnte fast untergehen, dass The Dillinger Escape Plan mit Stücken wie „Symptom Of Terminal Illness“ endlich wieder flächendeckend zwischen aggressiver Attitütde, technischem Anspruch und Pop ausbalancierte Songs gelingen, an deren Perfektion sie nun bereits seit einigen Platten schraubten. Das gibt Grund zur Freude, spannender ist jedoch die wirre Abfahrt „Low Feels Blvd“, die nach überdrehtem Gebretter in einen entspannten Jazz-Break mündet, der seine Meisterschaft gerade in seiner fehlenden Überkonstruiertheit manifestiert.

Diesem Schicksal entgeht auch „Fugue“, die nachgereichte Konsequenz aus dem ehedem mit Mike Patton aufgenommenen „Come To Daddy“ Cover: Eine vollelektronische Drill’n’Bass Fingerübung, die „Miss Machine“ und „Ire Works“ immer mal durchblicken ließen, doch nie so formvollendet präsentierten wie dieser Song, der inmitten all der vernichtungswilligen Gitarren eine willkommene, synthetische Abwechslung bietet. Wer polyrhytmische Alpträume sucht, der wird natürlich fündig, bei „Honeysuckle“, dem hämmernden „Apologies Not Included“ oder dem nach hinten raus vollkommen aus dem Ruder laufenden „Limerent Death“.

Die Nähe zur Kakophonie, die der Mathcore ja immer in sich trägt, wird hier noch mal problematisiert und nicht einfach als Genre-immanent akzeptiert, wie es bei so vielen anderen Bands des Genres der Fall ist. Zugleich vermittelt dieser knappe Kontrollverlust den Eindruck, am Ende angekommen zu sein, ein Gefühl, dass der abschließende Titeltrack in Perfektion vollführt. Nachdem „Nothing To Forget“ den gesammelten Wahnwitz noch mal durchexerziert hat, fahren The Dillinger Escape Plan in „Dissociation“ große Streicher auf, konterkarieren sie teils mit angespannten Drums und piependen Synthesizern, durchbrechen jedoch nie die feierliche Atmosphäre, die Puciato zum ersten Mal in der Bandgeschichte tatsächlich nicht feierlich oder sinister, sondern einfach sanft klingen lässt.

Vielleicht ist das der größte Triumph dieser Band, die immer noch eine Finte auf Lager hatte, den Song immer noch mal komplett auf links drehen wollte und irgendwann bei jeder Ballade das Mathcore-Monster von der Leine ließ: Einfach die eigene Sentimentalität stehen zu lassen, so lange sie nicht peinlich inszeniert wird, sondern von allen Beteiligten hochkarätig aufgeführt wird. Man muss an dieser Stelle keinen Quatsch erzählen und behaupten, dass es der Band hier noch mal gelingt, sich neu zu erfinden und ihr bestes Album überhaupt abzuliefern. „Dissociation“ überzeugt als zusammenfassende, aber noch immer hungrige, motivierte Songsammlung, mit der The Dillinger Escape Plan den Absprung schaffen, bevor der eigene Status dekonstruiert wird. Danke dafür.

8,0/10

„Dissociation“ erscheint am 14.10. via Party Smasher Inc. auf Platte, CD und digital.