Foto: Maclay Heriot

Von Portugal. The Man bin ich Fan der ersten Stunde. Irgendwann habe ich nicht mehr auf die Uhr geguckt und den Anschluss verloren. Ihr Debüt „Waiter: You Vultures!“ von 2006 ist quasi in den Top 10 meiner Lieblingsalben für die Ewigkeit. Auch vom Nachfolger „Church Mouth“ besitze ich noch die CD. Das gute alte Format. Doch dann ging es für mich bergab, weil mir ihr scheinbar neuer Stil (der sich auch noch durch die nächsten Alben durchzog) nicht überzeugt hat. Ich wünschte mir die guten alten Zeiten zurück. Schon 2009 kam ich in den Genuss, die komplette Band auf dem La Pampa Festival nahe Görlitz zu interviewen. Die Aufnahmen verschwanden. Ich weiß gar nicht mehr wie. Acht Jahre später, Mitte Mai 2017, kam die nächste Gelegenheit im Hamburger Molotow. Plötzlich sitzen Gitarrist Eric und Bassist Zachary als Gesprächspartner vor mir. Die Sonne scheint ein bisschen, das erste Bier neigt sich dem Ende zu.

Ich möchte mit drei Fragen über Deutschland anfangen. Wie war es gestern Abend in Berlin?

Zachary: Es war witzig und heiß. Sehr heiß, viel Punkrock. Ein paar Sachen gingen kaputt, aber das war egal. Es war einfach cool, mal wieder in so einem kleinen Club zu spielen [Anm. d. Red.: Musik & Frieden].

Eric: Das Publikum war großartig! Ich hab schon auf der Bühne gesagt, dass ich da hin ziehen will. Ich meine es ernst, ich liebe diese Stadt.

Zachary: Wir hatten eine großartige Zeit mit vielen Freunden in Berlin. Wir übernahmen mit ihnen die Bar im Club.

Ich habe gehört, Casper war auch am Start?

Zachary: Ja, Casper und seine Crew sind enge Freunde von uns.

Eric: Er ist der beste Stadtführer.

Zachary: Auf jeden Fall, er ist großartig.

Eric (l.) und Zachary von Portugal. The Man. Foto: Julia Stiller

Wie habt ihr euch kennengelernt und seid letztendlich auf Tour gegangen?

Zachary: Wir haben uns 2006 zum ersten Mal kurz in Bielefeld kennengelernt. Er arbeitete im Club, in dem wir spielten. Ein paar Jahre später wurde er ne ziemlich große Nummer und fragte seinen Manager, wen er als Support mit auf Tour nehmen sollte. „Frag irgendjemanden, es wird ne große Arena-Tour.“ Er fragte uns und das war ziemlich komisch, aber es klang auch nach einer Menge Spaß. Sobald wir ihn richtig kennengelernt haben, war er der coolste Typ aller Zeiten. Er tat Dinge, die noch nie jemand gemacht hat (lacht). Frontmänner sind immer ein bisschen komisch und schwer anzutreffen. Wenn die Band größer ist als man selbst, haben sie immer ziemlich viel Zeug am Laufen, manchmal redest du kaum mit den Sängern. Aber als wir auf der Tour ankamen, trank er bereits nach zwei Minuten ein Bier mit uns. Er war der erste, den ich im Club angetroffen habe! Er zeigte uns alles und kümmerte sich, erwähnte uns bei jeder Show. Es sind zwei verschiedene Genres und er erklärte den Leuten, dass er uns einfach ziemlich mag. Wir waren nicht die erste Wahl des Labels oder Managers. Er ist einfach Fan von uns.

2016 hat er Euch dann in den USA supportet?

Zachary: Ja, aber das war nie der Plan. Er flog nach Los Angeles, um Kanye West auf seiner Pablo-Tour zu sehen. Am nächsten Abend spielten wir in L.A. und er hing mit uns ab. Wir füllten ihn ab und haben ihm eingeredet, dass er am nächsten Tag unsere Show eröffnen soll. Sein erstes Konzert in den USA. Wir haben sogar über Nacht Shirts mit „Casper World Tour“ gemacht, obwohl es nur ein Ort war (lachen). Er hat sich gut geschlagen und wir baten ihn, seinen Flug zu stornieren und weiter mit uns auf Tour zu gehen. Es war großartig und witzig, weil er immer im vorderen Teil unseres Busses geschlafen hat.

Wie hat das amerikanische Publikum auf Deutschen Rap reagiert?

Zachary: Ziemlich gut. Sowas sieht man nicht alle Tage. Natürlich haben sie die Texte nicht verstanden, aber seine Energie ist so gut. Wir fanden es geil, wie so ein Typ das Publikum übernimmt, das keine Ahnung hat wer das überhaupt ist. Er hat witzigen Scheiß zwischen den Songs gequatscht.

Eric: Einmal kam er auf uns zu und meinte „Ich weiß, dass ihr den Text und Sinn des Songs nicht versteht, aber macht Euch keine Gedanken drum.“ (lachen)

Zachary: Es war verdammt witzig. Er lieferte gut ab.

Die dritte Frage zu Deutschland: Ihr habt mit Drunken Masters den Song „Louder“ gemacht.

Zachary: Oh ja, wir haben sie über Casper kennengelernt und mehrere Sachen zusammen gemacht. Sie haben uns bei unserem letzten Album unterstützt. Wir mögen ihr Zeug, eine frische Denkweise. Sie zeigten uns Alternativen in unseren Songs und dadurch konnten wir mal fernab des normalen Rahmens an Songs herangehen. Weil sie uns halfen, halfen wir ihnen natürlich auch mit „Louder“.

Drunken Masters ft. Portugal. The Man – Louder

„Louder“ fällt schon ziemlich aus dem Rahmen.

Zachary: Natürlich, aber auf so Zeug stehen wir. Wenn es funktioniert, dann ist es gut. Man weiß es vorher nie, man probiert es einfach aus.

Witzigerweise hatte ich Euch schon mal interviewt. Vor acht Jahren, auf dem La Pampa Festival in der Nähe von Görlitz an der polnischen Grenze.

Zachary: Ja, ich erinnere mich!

Dort gab es einen kleinen See, in dem ich vorm Interview baden war. Ich habe das ganze Interview über gefroren und oft gezittert.

Zachary: (lacht) Ich bin schon in so viele Seen gesprungen.

Eric: Nass zu werden vor Sonnenuntergang ist immer eine blöde Idee (lacht). Einmal war ich vor einer Show schwimmen und habe meine Klamotten verloren. Meine Unterhose war klatschnass (lachen).

Ich habe leider die Aufnahmen verloren, das Interview wurde nie veröffentlicht.

Zachary: Haha, echt? Klingt nach einem guten Festival (lacht).

Portugal. The Man – Modern Jesus

Das war es (lacht). Eurer erstes Album „Waiter: You Vultures!“ kam vor elf Jahren raus. Wie haben sich die Dinge seitdem aus Eurer Sicht entwickelt?

Zachary: Oh Mann, wir haben seitdem viel erlebt. Alles was vor dem neuesten Album passiert ist Übung. Wir sind gereift und fanden heraus, wie man Songs schreibt. Als wir „Waiter: You Vultures!“ herausbrachten, hatten wir keine Ahnung von Songwriting mit Harmonie- und Tempowechseln. Wir hatten keine Ahnung von verdammten Übergängen. Leute sagen mir: “Das Album ist so experimentell und verrückt“ und ich sage „ja, aber es ist wie das Gebrabbel eines verrückten Mannes, wie Texte von Bob Dylan, Du hast keine Ahnung was Du machst (lacht).“ Ich spielte in Prog-Metal-Bands und versuchte Popsongs zu schreiben. Jeder meinte: „Ich könnte ganz einfach einen dreiminütigen Popsong schreiben. Wir machen doch achtminütige epische Songs.“ Kannst Du nicht. Es ist so viel komplizierter (lacht). Wenn Du eine Geschichte erzählst, willst Du nicht all diese Orte abgrasen und dafür sogar acht Minuten Zeit haben, um Gefühle in Jemandem zu wecken. Nimm „Ain’t no sunshine“, es ist um die 2:34 Minuten lang, hat nur einen Ablauf und so ziemlich die gleiche Melodie. Und es nimmt mich so krass mit zu so vielen Orten in nur 2:34 Minuten. Das ist verrückt! Aber seitdem lernen wir in einem ständigen und lustigen Prozess dazu. Deutschland hat damit sogar viel zu tun, schon von Anfang an. „Church Mouth“ wurde ziemlich genau für Deutschland gemacht. Bei unserer ersten Tour in Deutschland spielten wir 35-minütige Sets. Mit „Church Mouth“ konnten wir zwei Stunden spielen mit all den Jams und so. Wir fanden langsam heraus wie man Musiker ist. Das hat uns niemand gesagt.

Du hast mal gesagt, Du willst immer etwas Neues und Anderes erschaffen. Manche großen Bands wie Coldplay, Mumford & Sons oder Linkin Park versuchten etwas Neues, wurden aber noch poppiger und die Fans fanden es scheiße.

Zachary: Es ist immer Risiko dabei. Aber generell scheißen wir da drauf. Die Popularität einer Band kannst Du nicht immer beeinflussen, es sei denn Du willst Dich verkaufen. Wir schreiben einfach die Musik die wir in jedem erdenklichen Moment hören wollen. Gleichzeitig wollen wir etwas erschaffen, zu dem die Leute Zugang finden und etwas dabei fühlen. Es gibt beschissene Popmusik und es gibt gute Songs. Schau Dir David Bowie an. Wie viele Nummer eins Hits hatte dieser Typ? Niemand hinterfragt seine Kreativität.

Eric: Du kannst viel künstlerische Arbeit in Songs stecken. Wenn wir mal die alten Alben neu aufnehmen würden – aber mit unserem aktuellen Sound – wäre es das Gleiche, was George Lucas mit „Star Wars“ machte.

Live spielt Ihr Eure alten Songs auch gerne mal mit aktuellem Sound.

Zachary: Wir spielen Songs ab und zu anders. Eigentlich verändern wir ziemlich oft was. Wir müssen an uns selbst denken und Songs schreiben, die wir genau in diesem Moment hören wollen. Und das muss echt bleiben.

Was denkt Ihr hat sich in all den Jahren am meisten bei Portugal. The Man geändert?

Zachary: Wir wurden weiser und fanden heraus, wo wir als Musiker hinwollen. Das wussten wir damals nicht. Jetzt probieren wir ein paar andere Sachen aus. Unsere Richtung ändert sich ständig, so wie sich die Welt drumherum verändert. Dabei werden wir von unserer Erfahrung geleitet. [Wir gucken Eric an.]

Eric: Ich habe dem nichts hinzuzufügen (lachen)

Zachery: Das schätze ich sehr.

Portugal. The Man – AKA M80 The Wolf

Als ich vor ein paar Tagen Eure Diskografie durchgehört habe, dachte ich es wäre die Art und Weise, wie die Stimme als Instrument eingesetzt wird. Johns Stimme in „Church Mouth“ war noch höher als auf „Waiter: You Vultures!“. Auch andere Stimmen werden auf andere Art und Weise eingesetzt.

Zachary: Ja, unsere eigenen Stimmen langweilen uns schnell (lacht).

Eric: Wenn Du John heute und damals vergleichst, geht er heute mehr aus sich raus.

Zachary: Und er denkt jetzt mehr darüber nach, wie Stimme und Worte eingesetzt werden müssen. Die ersten beiden Alben haben wir mit einem simplen alten Mikrofon auf der Couch aufgenommen. Heutzutage denken wir über Performances nach oder wie man ein Wort oder Gefühl besser ausdrücken könnte. Wir denken viel mehr nach, wahrscheinlich zu viel. Unwissenheit ist ein Segen. Wir hatten damals keine Idee was wir machen. Heute haben wir in etwa eine. Und das macht uns verrückt (lachen). Jedes Album drehte sich um die Erkenntnis, was wir machen können und was wir nie wieder machen werden.

Was würdet Ihr nie wieder machen?

Zachary: Wir sind vorsichtiger bei der Zusammenarbeit mit Songwritern und Produzenten geworden. Wir arbeiten mit anderen Musikern zusammen. Die Musikindustrie wurde immer schlimmer, weil die Gier größer wurde. Ich spielte auf Alben von anderen Leuten und hab nie an Geld gedacht. Ich hatte einfach Bock drauf.

Eric: Ich hab auch auf anderen Alben gespielt. Oft kommt zwei oder vier Wochen später jemand und fragt, wie wir all das aufteilen und so. Das würde ich nie machen.

Es gibt auch neue Bandmitglieder. Eric, Dich sehe ich heute zum ersten Mal.

Zachary: Er ist ein neues altes Mitglied. Wir kennen uns schon seit der Kindheit und haben im Keller meiner Mutter zusammen Musik gemacht. Meine erste Band.

Eric: Eine 90er-Band (lachen).

Zachary: Eine 90er-Coverband, aber in den 90ern (lachen).

Eric: Eine Echtzeitcoverband (lachen). Als Jason zurückkam, gerade als Kyle nach „Church Mouth“ ausstieg, war das super. Er ist ein großer Fan, wir würden ihn nie als den Neuen bezeichnen. Er gehört zur Familie.

Zachary: Wir haben ihn dazu gebracht, aus all seinen anderen Bands auszusteigen. Wir spielten oft in der gleichen Stadt und fragten ihn ob er jammen will. Er kam immer vorbei, lernte unsere Songs und fragte: „In welcher Tonart ist das? Ok, ich habs!“ (lachen). Er war schon immer einer von uns.

Foto: Julia Stiller

Lasst uns über das neue Album „Woodstock“ sprechen [VÖ: 16.6., Anm. d. Red.]. In der Pressemitteilung stand, ihr habt nach drei Jahren Songwriting alles über den Haufen geworfen und neu angefangen?

Zachary: Ja, aber das ist nicht ganz wahr. Wir haben nicht alles weggeworfen, es existiert noch. Wir veröffentlichen es nur nicht.

Gibt es eine Chance, es zu hören? Vielleicht als Remix oder ungemischte Demo?

Zachary: Ich hoffe es, aber das sagen wir immer. Wir haben hunderte fertige Songs, die bisher nicht veröffentlicht wurden. Es ist schwer sich über das alte Zeug zu freuen, wir schauen immer nach vorn. Wir haben uns das Beste aus dem alten Zeug rausgepickt und verarbeitet. Wir hatten einfach zu viele Songs. Wir konnten nicht aufhören, während sich die Welt so krass sozial und politisch verändert hat. Vieles hat sich verändert, wir mussten die Songs verändern und die aktuelle Lage ansprechen.

Eric: Wenn Du 40 bis 50 Songs hast, musst Du mal runterkommen. Jeder hat seine Favoriten und dadurch verliert man den Fokus und die Perspektive auf die Songs. Das erneute Aufnehmen von diesmal weniger Songs war besser. Manchmal verliert man die Perspektive auf seine eigene Kunst.

Zachary: Wir wussten nie was abging. Denk an einen Zahnarzt und an das Geräusch seines Bohrers. Für ihn geht das irgendwann weg, für uns nicht. Wir haben gute Lieder. Doch bis wir sie rausbringen, ist es anders. Es liegt ein gewisses Gewicht und Druck auf den Songs, wenn Du sie veröffentlichst. Du kannst die Aufnahme nicht mehr ändern, aber wir sind noch nicht fertig mit dem Schreiben. Wir müssen einfach aufhören. Das ist der verdammt harte Part.

Gibt ja noch Remixes.

Zachary: Total, wir ändern ja auch oft Songs. Manchmal machen wir Sachen und Leute sagen, dass es nicht funktionieren wird. Aber darauf scheißen wir.

Eric: Wir spielen Songs 200 Mal und ändern jedes Mal etwas.

Zachary: Kleinere Dinge die uns davon abhalten, verrückt zu werden.

Portugal. The Man – Feel it still (Medasin Remix)

Eure neue Single „Feel it still“ hat ein interaktives Video mit kleinen versteckten Zeichen des Protests. Nebenbei: Danke für das Schablonen-Tutorial.

Zachary: Haha, gerne (lacht).

Wie entstand die Idee zum Video?

Zachary: Wir haben uns mit ein paar guten Freunden zusammengetan. Wir wollten Technologie benutzen wie wir sie vorher noch nicht gesehen haben. Es sollte witzig sein und wie ein Spiel, aber für einen guten Grund. Wir lieben den Kontrast: Einerseits fühlt sich das Video wie ein Fiebertraum unter Drogen an. Aber zwischen den Zeilen findest Du Werkzeuge, um Dich weiterzubilden und den Leuten in Deiner Umgebung zu helfen.

Vielen Dank für das Interview!

Zachary: Danke, es war sehr lustig.