Im Gespräch mit testspiel: Dougy (2.v.l.) und Jonathon (r.) von The Temper Trap (Foto: PIAS)

Montag, 19.30 Uhr. Draußen ekelhafter Schneeregen, der nur Matsch hinterlässt. Drinnen, im Hamburger Gruenspan, wohlige Wärme und eine beeindruckende beleuchtete Kulisse. Über Treppen zur Tribüne, durch Absperrungen, Treppenhäuser und Türen hindurch lande ich backstage in einem Raum mit einer bequemen Couch und dutzenden Süßigkeiten. Dort wartet schon die Hälfte von The Temper Trap auf das Interview: Sänger Dougy und Bassist Jonathon, der es sich barfuß auf dem Teppich gemütlich macht. Wir reden über den Sinn des Lebens, emotionale Verbindungen, die man mit dem Publikum eingeht und scharfe Currywurst.

Ich möchte mit einer eher philosophischen Frage einsteigen. Eure Musik und Aussagen in Interviews sind hauptsächlich über Liebe, Hoffnung und Leidenschaft. Denkt Ihr, dass darin der Sinn fürs Leben steckt oder das, was uns definiert?

Dougy: Liebe, Hoffnung und Leidenschaft? Auf jeden Fall. Das sind drei Dinge, die essentiell für das Leben sind. Sonst wären wir nur umherwankende Zombies, atmendes Fleisch.

Jonathon: Als ich zuletzt in Deutschland war, hat mir jemand eine ähnliche Frage gestellt. Mir kommt es vor, als wäre das nur in Deutschland so. Ihr Jungs habt keine Angst, die richtig tiefen Fragen zu stellen, oder? (lacht)

Ich mag es, aber ich kann nicht für meine Kollegen sprechen (lachen) Da hätte ich doch direkt eine Anschlussfrage: Wenn Ihr denkt, dass Liebe, Hoffnung und Leidenschaft uns definieren, warum läuft dann in dieser Welt so viel schief?

Dougy: (überlegt) Wow, sind das komplizierte Fragen (lachen) Weil Menschen auch egoistisch sind. In allem steckt eine Dualität. Licht und Schatten. Leider kann man liebevoll und leidenschaftlich sein und trotzdem Momente des puren Egoismus haben, das ist die menschlichen Natur. Aber Du kannst Liebe, Leidenschaft und all das andere gute Zeug wertschätzen, ohne das Gegenteil erfahren zu haben.

Glaubt Ihr daran, dass Eure Musik Menschen hilft?

Jonathon: Es ist schwer, das Dougy zu fragen, weil er die Texte schreibt. Aber man sieht Leute, denen unsere Musik etwas bedeutet und das wird noch verstärkt, wenn wir auf der Bühne mit ihnen interagieren können. Es erzeugt gute Energie, spirituell und mental.

Und glaubt Ihr, dass Eure Musik die Welt auch positiv beeinflussen kann, zumindest die Besucher Eurer Konzerte?

Jontahon: Ich kann nur aus meiner persönlichen Erfahrung sprechen. Wenn ich zu Konzerten gehe, werde ich oft inspiriert und motiviert. Und ich gehe davon aus, dass ich nicht der einzige Mensch im Universum bin, dem es so geht. Also geht das bestimmt auch bei unseren Zuschauern. Musik ist definitiv ein Austausch, ein Kommunizieren.

Euer aktuelles Album „Thick as Thieves“ kam vergangenes Jahr raus, vier Jahre nach Eurem zweiten Album. Jetzt gibt es eine neue Konstellation, da Euer Gitarrist Lorenzo ausgestiegen ist. Was hat sich dadurch verändert?

Dougy: Jemand, der so lang Teil Deines Bandlebens und persönlichen Lebens ist und dann geht. Das trifft Dich natürlich. Am Anfang besonders hart. Musikalisch gesehen, da wir jetzt nur noch zu viert sind, haben wir im Studio versucht, einen größeren Sound zu kreieren, als es für vier Leute üblich ist. Es war herausfordernd.

Jonathon: Ich hab beim letzten Part nicht zugehört (lacht) Ich musste an Lorenzo denken, ich vermisse ihn. Ich will nicht sagen, dass es besser klingt, weil einer weg ist. Aber unsere Herangehensweise wurde dadurch fokussierter. Wenn Du Musik schreibst und da ist noch jemand mehr im Raum, gibst Du ihm automatisch eine Aufgabe. Aber eigentlich ist es nicht notwendig. Als Lorenzo ging, mussten wir eben umdenken.

Dougy: Wir haben uns mit ein paar externen Produzenten und Songschreibern zusammengetan. Das war neu.

Wie war die Reaktion der Medien und Fans auf das neue Album aus Eurer Sicht?

Jonathon: Es war interessant. Du hattest den riesigen Hype um „Sweet Disposition“, das war außer Kontrolle. Natürlich hoffst Du, mehr Songs wie diesen zu schreiben. Und Du hoffst, dass die Medien genau so reagieren wie damals. Das ist aber nicht so passiert. Und durch die Tour wurde uns auch bewusst, dass wir auf Konzerten mit vielen Leuten in Verbindung treten, die richtige Fans sind. Die viele Texte mitsingen. Und das ist ziemlich cool.

Was habt Ihr in Hamburg erlebt?

Dougy: (lachen) Das könnte ziemlich düster werden, wenn Du von unseren Erfahrungen in Hamburg wissen willst. (lachen) Wir haben viel erlebt, sagen wir es so. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Currywurst gegessen. Es gibt einen Laden auf der Reeperbahn, an dem sie ein Schild mit einer Schärfeskala ihrer Soßen für die Currywurst haben. Ein Crewmitglied und ich wollten das ausprobieren. Ich habe an der schärfsten Soße nur kurz gerochen und meine Augen haben sofort getränt, ich musste kurz würgen. Als ich raus bin und mich übergeben wollte, kam ein Kamerateam wie aus dem Nichts und wollte diesen Laden filmen. (lacht) Das findest Du bestimmt auf YouTube. Sie haben mich bis nach draußen verfolgt, wie ich mich am Baum übergeben wollte und wollten vor laufender Kamera wissen, wie sich das angefühlt hat. (lacht)

Dougy, Du hast damals als Straßenmusiker angefangen und bist mittlerweile Frontmann einer international bekannten und empfohlenen Band [Anm. d. Red.: Ich habe das falsche Wort im englischen benutzt].

Dougy: Haha, empfohlen?

Äh ja. Ich meine Ihr habt Awards gewonnen, deswegen empfiehlt Euch die Jury. (lachen) Was ist Dein Rat für junge, hoffnungsvolle Musiker?

Dougy: Spielt nicht auf der Straße Musik (lacht). Das war ein interessanter Teil meines Lebens, der Spaß gemacht hat. Ich habe schreckliche und großartige Straßenmusiker getroffen. Mein Rat? Es ist immer schwierig das zu beantworten, ohne total klischeehaft in Phrasen zu sprechen. Aber die richtige Antwort besteht halt aus Floskeln (lacht). Einfach dranbleiben. Wenn es wirklich Leidenschaft ist, wie wir schon in der ersten Frage festgestellt haben, dann muss man dranbleiben und Musik atmen. Den Versuch ist es immer wert. Nichts wird im Leben garantiert, außer der Tod und Steuern.