(Fotos von Eylul Aslan)

Wer hätte gedacht, dass die doch schon das ein oder andere Jahr aktive Sookee noch mal ein ganz heißes Thema im deutschen Rapzirkus werden könnte. Doch tatsächlich fügen sich „Mortem & Makeup“ und seine Umstände ganz wunderbar ineinander: Politisierter Hip Hop landet mittlerweile auch mal auf Platz 1 der Charts, mit Buback hat die Berlinerin ein etabliertes Label im Rücken und sich dabei für neue Ansätze und Themen geöffnet, ohne dabei eine eindeutige Haltung vermissen zu lassen. Genügend Gesprächsstoff gibt es mit noch immer existierenden Problemen innerhalb und vor allem außerhalb der Szene ohnehin, so dass wir den durch den Promoplan diktierten Zeitrahmen etwas erweitern müssen, um uns zumindest halbwegs durch das Dickicht aus Rechtsruck, kindlicher Perspektive, mangelndem Verantwortungsbewusstsein und den Verheißungen von Cloud Rap zu kämpfen.

Am Ende deiner letzten Platte „Lila Samt“ wirktest du recht resigniert. Was hat sich in den letzten drei Jahren verändert, gesellschaftlich und im Hip Hop, dass du jetzt wieder mit frischer Energie am Start bist?

In Sachen Deutschrap ist die Lage auf jeden Fall besser geworden. Ich merke auch in der Promophase, dass wir bei gewissen Themen einfach einen Schritt weiter sind. Ich werd nicht mehr gefragt, wie es als Frau im Hip Hop ist, entweder aus Anstand oder weil es einfach nicht mehr interessiert. Gerade sind auch etliche Frauen am Start, Pyranja macht ne neue Platte, es machen also auch Leute weiter bei denen man dachte, die wären einfach verschwunden. Auch im linkspolitischen Rap hat sich einiges getan in den letzten drei Jahren, z.B. ist er Gegenstand des Kulturjournalismus geworden. Da hab ich gemerkt, dass da gerade etwas Gutes passiert, bei dem ich mitmachen will. Ich hätte wohl nicht ganz auf Hip Hop verzichten können, aber ich hätte auf jeden Fall noch ein paar Jahre Pause obendrauf gelegt.

Gesamtgesellschaftlich ist natürlich gerade die Kacke am dampfen ohne Ende. Plötzlich gibt es wieder einen Konsens darüber, dass über Fragen wie „Was ist Demokratie“ diskutiert werden muss, das gab es in den letzten 20 Jahren nicht so ohne weiteres. Gewisse Weltbilder sind wieder im Raum, von denen wir nicht dachten, dass sie so massiv wieder zurückkommen. Ich geh jetzt nicht soweit, hier den dritten Weltkrieg zu erwarten, so einfach ist es nicht. Wir haben nicht 1933, aber trotzdem: Wenn wir jetzt verkacken, hätten wir gar nix aus der Geschichte gelernt. Es ist gerade eine besondere Zeit, die allen eine besondere Aufmerksamkeit abverlangt und eine andere Auseinandersetzung mit der Gesellschaft fordert.

Musste daher „Q1“ mit seiner klaren politischen Botschaft als erste Single raus?

Ja, da gab es gar keine andere Option. Es ist ja nicht mal der stärkste Song auf der Platte, wir hätten singlemäßig vermutlich krassere Kandidaten finden können, aber ich fand ihn notwendig, gerade weil die konkret benannten Ereignisse schon aus dem ersten Quartal 2016 stammen. Ich häng vor allem an dieser Aussage von Alexander Gauland, dieser Sache mit den Kinderaugen, das ist Wahnsinn! Interessanterweise hat sich seine Tochter über diese Aussage sehr empört und von ihrem eigenen Vater distanziert. Da kündigt sich auch dieses Kindheitsthema an, was auf der Platte so zentral ist.

Gleich zwei Tracks auf „Mortem & Makeup“, nämlich „Hüpfburg“ und „Hurensohn“, sind aus Kinderperspektive getextet. Was war die Motivation dahinter?

Beide Songs hätte ich auf dem letzten Album vermutlich ganz theoretisch aufgerollt, hätte über Menschenhandel und Sexarbeit gesprochen, darüber, warum Weiblichkeit die Achillesverse von Männlichkeit ist und warum ein Begriff wie Hursensohn problematisch ist, aber das wollte ich alles nicht mehr. Ich wollte mir einen anderen Zugriff erlauben, austesten, ob ich auch anders kann, und das ist dabei rumgekommen. Gerade in „Hurensohn“ geht es ja viel mehr um den Sohn als die Mutter und bei „Hüpfburg“ handelt es sich um eine totale Leerstelle. Ich habe oft mit der Ignoranz der Erwachsenenwelt totale Schwierigkeiten, denn Gesellschaft bezieht sich immer nur auf Erwachsene und Kinder werden da lediglich instrumentalisiert.

Eigentlich ist das eine Solidarisierung in Bezug auf alle möglichen kindlichen Perspektiven. Welche noch so aufgeklärten, progressiven Eltern sagen ihrem Kind, es soll einfach eine gute Zeit in der Schule haben? Am Ende geht’s doch um Noten, am Ende geht’s doch um Abschlüsse, am Ende geht’s doch um Verwertungslogik, und das find ich so beschissen. So viele Leute haben eine Scheißzeit in der Schule gehabt, und trotzdem ist dieses gottverdammte Schulsystem so schwerfällig, alle gucken nach Finnland, wo Kreativität gefördert wird und es nicht mehr um dieses bulimische Lernen geht. Aber diese Debatte wird schon ewig geführt und es tut sich nichts, die Situation ist festgefahren.

„Hüpfburgen“ wirkt auf mich aber auch wie ein Versuch, sich über den Umweg Kind in eine Nazi-Perspektive hineinzudenken – etwas, das ja in den letzten Jahren oft gefordert wird, was aber für Außenstehende schwierig ist. Ist es wichtig für dich, darüber in Dialog zu treten?

Das ist super schwierig, weil es sich da um so eine abgeschottete Welt handelt. Faschismus lässt keinen Dialog zu, ich hab da also überhaupt keine Lösung. Man kann in Prävention und Jugendarbeit investieren, hoffen, dass irgendwo eine gute Geschichtslehrerin sitzt, aber sowas kannst du nicht strukturelle aufziehen und implementieren. Gerade in dem Bereich gibt es aber auch die Tendenz, sich immer weiter abzuschotten. Deswegen ziehen die auch in pädagogische Institutionen ein, in den Elternbeirat, werden Kindergärtnerin und bauen sich, weil sie ja auch so siedeln, ihre eigene Welt wieder neu. Das ist ein total gefährliches Ding, und auch da wieder die Ignoranz der Erwachsenenperspektive: Wir beobachten den Rechtsruck, aber dass da Kinder involviert sind, ist eine Randnotiz.

Das wird nur in der Absurdität kurz dargestellt, wenn der Ökonazi irgendwie skizziert wird, der in Mecklenburg auf dem Land wohnt und von außen total unauffällig ist. Dann wird auch beobachtet, dass es da Kinder gibt, aber wie es denen geht, wie die da groß werden, wie die aus der Scheiße wieder raus können und was da bei der nächsten Generation an ideologischer Festigung passiert, das ist total unterbeleuchtet.

Siehst du die Jugendkultur Hip Hop als strukturelle Instanz, die da Aufklärung leisten kann und sollte? Es gab in den letzten Jahren ja auch Nummer eins Alben, die sich mit linken Themen auseinandergesetzt haben, das Thema findet also mitten in der Gesellschaft statt.

Das ist eine der guten Nachrichten, von denen ich vorhin gesprochen hab. Speziell die Antilopen werden sich jetzt aber zu 2/3 dagegen wehren, einen Auftrag zu haben. Die Allermeisten sagen, dass sie machen Kunst und fertig ist die Maus. Ich halte das ein bisschen anders, aber es ist egal, ob ich jetzt Lehrerin, Rapperin oder Busfahrerin geworden bin, ich seh mich da in meiner Verantwortung als Teil der Gesellschaft. Wenn ich Teil der Gesellschaft bin, muss ich auch bereits sein, die Gesellschaft mitzutragen. Ich kann das von Hip Hop im Speziellen also nicht erwarten, auch weil ich weiß, dass sich viele dagegen wehren und sie erst recht dich machen, wenn man sie auf diese Verantwortung anspricht.

Sowas muss ja auch nicht mit Ansage passieren: Wenn K.I.Z. z.B. einen Song machen, der Deutschtümelei erstmal nur parodiert, kann man ja trotzdem seine eigenen Verhaltensmuster hinterfragen und umdenken. Ich spüre da, gerade seitens der Künstler, oft einen großen Optimismus in Bezug auf diese Eigenleistung des Hörers. Teilst du diesen Optimismus, was die Kraft von Hip Hop angeht?

Das ist ja nicht die Frage nach der Kraft von Hip Hop, sondern nach der Kraft von Satire und an der zweifel ich tatsächlich auch eher. Diese Diskussion hab ich, gerade mit K.I.Z., schon öfter geführt. Die sagen, dass die die es nicht peilen eh dumm sind und berufen sich auf ihre coolen Fans, die down mit dem sind, was sie da heimlich reingeschrieben haben, aber natürlich niemals zugeben würden, weil sie sonst ihre Kunst kaputt machen werden. Ich finde es aber auch bedenklich, was da nebenbei auch nochmal an Scheiße reproduziert wird. Das ist ne zweischneidige Sache. Deswegen find ich Ironie cool und Satire schwierig. In diesem Zynismus steckt mir zu viel Bitterkeit und zu wenig Hoffnung drin. Da hat niemand was davon, da kann man noch nen bösen Witz über Sachen machen und das war’s. Da kommt danach nix mehr, oder ich frag mich zumindest, was danach noch kommen soll. Ich find, Ironie ist ne feine Sache und ich find es auch toll, wenn Artists ihr Publikum herausfordern, aber ab einer gewissen Größenordnung wird dann doch gegrölt und gepogt, und dann wird es irgendwann schräg.

Ich find es vor diesem Hintergrund spannend, dass du dich in „Q1“ zur Partei „Die Partei“ bekennst. Bei deren Aktionen fehlt mir persönlich oft der Mehrwert. Siehst du das anders, oder ist es nur ein lustiger Selbstzweck und letzten Endes drückt man sich doch nur davor, Entscheidungen treffen zu müssen.

Aber genau das ist der Mythos, der nicht kaputt gemacht werden soll. Die dürfen ja nicht so sein wie die Andern. Für mich war es auch ein Kompromiss, diese Zeile so da rein zu schreiben, und lustigerweise sind die auch darauf angesprungen und haben sich darüber gefreut, ein bisschen Promo zu bekommen. Es gab auch Anfragen, ob man nicht für die Tour kooperieren möchte, aber das würde nicht funktionieren. Ich finde es notwendig, dass es die gibt, und man darf nicht unterschätzen, was Sonneborn da doch mitunter in Europa veranstaltet. Bei dem Landesverband-Klamaukigen bin ich total bei dir, deswegen bleibt es bei einem Wink in deren Richtung, es kommt zu keine Mitgliedschaft meinerseits. Obwohl Serdar Somuncu als Kanzlerkandidat ein gutes Zeichen ist, der trägt ja wirklich zu Debatten bei. Der ist ne ganz gute Brücke zwischen Anne Will und der Titanic. Davon versprech ich mir ein bisschen was.

Auf der Platte ist mit „Bilderbücher Konferenz“ auch ein Song zum Thema Verschwörungstheorien – Hip Hop spielt da ja auch eine gewisse Rolle, gerade mit Personen wie Kollegah, die immer noch vielerorts hofiert werden. Würdest du dir da seitens der Szene bzw. generell mehr Gegenstimmen wünschen?

Ja, aber sie hätte auch bei Sexismus und bei ableistischer Sprache früher aktiv werden müssen. Aber das kommt jetzt ja auch ein bisschen auf, ich glaube, dass da Leute wie Oliver Marquadt von rap.de, Toxik von Hiphop.de, Nico von Backspin, Falk und Staiger gute Größen sind, die bei sowas nicht mitmachen. Auch sonst kommen vereinzelt solche Gegenstimmen auf, Grim hat dazu ja auch einen Track gemacht mit „Cro Hafti Herzl“, oder Leute wie Fatoni, Edgar Wasser, die Antilopen. Ich hab jetzt auf jeden Fall auch meinen Teil dazu beigetragen.

Aber sind solche Tracks denn eine ernsthafte Möglichkeit um mit Leuten, die an sowas Glauben, ins Gespräch zu kommen? Oder fühlen die sich nicht eher angepisst?

Das hab ich vorher auch überlegt, aber ich bin halt keine Missionarin. Ich musste mal kurz den Raum haben, mich darüber kaputt zu lachen. Wenn ich die Gelegenheit hab sag ich auch gerne, dass es mir leid tut und setze mich mit denen zusammen und red noch mal über diese Sachen. Aber ich kann ja auch nicht mit allen Leuten reden, die an Verschwörungstheorien glauben. Klar ist „Bilderbücher Konferenz“ ein bisschen schräg, es ist jetzt kein Song der hingeht und Gegenargumente liefert, sondern er macht sich erst mal lustig darüber. Aber dadurch, dass ich mir diese Scheiße seit zehn, 15 Jahren geben muss, hab ich auch mal das Recht, einen Witz darüber zu machen.

Neben den Tracks zu gesellschaftlichen Entwicklungen gibt es auch mehr persönliche Einsichten auf „Mortem & Makeup“, mit denen du Themen auch nochmal anders angehst. War dieser Schritt beabsichtigt?

Das war schon eine bewusste Entscheidung. Es ist diese Sache mit dem Berg und dem Propheten: Ich kann ja niemanden brainwashen, wenn’s nicht klappt, klappt’s nicht, dann versuch ich mich darauf zuzubewegen. Und natürlich bin ich auch gerade jetzt in dieser Promophase in einer Situation, in der ich mit Leuten rede, bei denen ich vorher nein gesagt hätte, weil sie die ganze Zeit Sachen unterstützen, die ich für problematisch halte. Aber jetzt kommt so langsam die Alterseinsicht und mir wird klar, dass es da nochmal einen anderen Dialog braucht. Ich setz mich da ja nicht mit einem Nazikader zusammen, ich red mit Hip Hop. Und ich glaub die Platte ist eine Einladung an Leute, die vorher nicht down waren, die das doof fanden, die sich einfach ausgeladen fühlten.

Gibt es da bei den persönlichen Themen eine Grenze, etwas, worüber du nicht rappen würdest?

Naja, so ganz privates Zeug, was hier in den eigenen vier Wänden passiert zum Beispiel. Aber bestimmte traumatische Erfahrungen hab ich ja auch nur angedeutet, so wie in „SSRI“. An das Thema traut sich seitens der Journalisten übrigens niemand, wovon ich gar nicht ausgegangen bin. Gerade weil es so ein neues Thema ist, für Sookee und Hip Hop generell. Das ist etwas, das mich in den letzten Jahren umgetrieben hat, wo viel Trauer und Leid drin steckt. „Absurdität“ ist auch so ein Ding wenn man die Geschichten dahinter kennt, aber die hab ich mir dann halt verkniffen, da hat ne gewisse Abstraktion stattgefunden.

Beim Durchhören erschien mir „SSRI“ als selbsterklärend, gar nicht so stark als neues Thema, aber jetzt, wo du es ansprichst …

Es gibt natürlich Leute wie JAW die dazu was gemacht haben, die auch über Depression sprechen oder eigene Erfahrungen mit Psychiatrisierung, aber es ist trotzdem so selten, weil sowas gerne auch in Stärke umgewandelt wird. Manchmal gibt es Momente, in denen solche Themen thematisiert werden, aber dann wird sowas schnell überspielt. Psychiatriekritik ist auch ein wichtiger Bestandteil des linken Themenkatalogs, deshalb ist ist „SSRI“ auch ein wichtiger Song. Ich würd den gern auch noch mal als Single veröffentlichen, obwohl es schwierig wird, dazu Bilder zu finden. Danju hat auch gerade so ein schreckliches Psychiatrievideo gemacht, so ganz klassisch mit Zwangsjacke, schaukelnd auf dem Flur sitzend und dann kommt noch ne heiße Krankenschwester und man fragt sich, wie krass kaputt man das Thema eigentlich machen kann.

Die neue Platte erscheint ja über Buback – was für eine Verbindung hast du zu dem Label?

Ich kenn Stephan Rath (Buback-Mitarbeiter, Anm. d. Red.) von Podiumssituationen, finde den ganz erfrischend und dachte mir: Das wär doch jemand. Buback war tatsächlich mein Wunschort für die Platte, ich fand das toll, was die mit Schnipo Schranke und Zugezogen Maskulin in den letzten Jahren gemacht haben. Die haben halt auch diesen politischen Querschnitt durch die zwei Jahrzehnte die es die gibt. Ich finde, die sind auch gut dimensioniert, es ist beim besten Willen nicht Major, aber es ist auch eben nicht mehr DIY. Ich fühl mich da super betreut.

Hattest du bei der Arbeit an der Platte auch im Hinterkopf, in Sachen Sound noch mehr zu experimentieren? Gab es da einen regeren Austausch mit Produzenten?

Allerdings. Es gab fünf Leute, die an der Platte mitgearbeitet haben, und drei davon waren das Kernteam, Riffsn von Grossstadtgeflüster, LeijiONE und Danger Dan von der Antilopen Gang. Wir haben uns wirklich zu viert zusammengesetzt und haben Song für Song überlegt, in welche Richtung die Platte noch gehen kann. Ich hab Beats gepickt, Vorabversionen aufgenommen, und dann haben wir noch mal richtig gemeinsam an den Songs gearbeitet. Das war ein ganz anderes Level als zuvor, ich war dann manchmal auch so ein bisschen faul und hab jetzt erst die Arbeit der Producer neu schätzen gelernt. Genauso mit dem Artwork – Sönke Busch aus Bremen hat das alles gemalt und sich total eingegraben in dieses Album. Der ist berufsmäßig Autor und schreibt Reden, ist aber eben auch bildender Künstler, kommt aus dem Graffiti und kann mit dieser Kombination aus Porträt und Kalligraphie richtig was. Das hab ich auf jeden Fall wertschätzen gelernt. Credits ist halt mehr als die Namen ins Booklet zu schreiben.

Gab es auch die Überlegung, „Mortem & Makeup“ komplett anders anzugehen? „Vorläufiger Abschiedsbrief“ hat mich in seiner Müdigkeit an „DMD KIU LIDT“ von Ja, Panik erinnert, bei denen hatte man sich auch gefragt, wie es danach weitergeht, und deren nächstes Album war dann sehr positiver Synth-Pop. Stand auch die Idee im Raum, bei dir die Kritik beiseite zu lassen und ein weltumarmendes Album zu machen?

(lacht) Nee, das kann ich nicht. Ich hatte den Wunsch, ein bisschen leichter zu werden, was sich auch an den ursprünglichen Arbeitstiteln abgezeichnet hat. Aber die ersten Tracks sind alle wieder rausgeflogen, am Ende war ich dann doch wieder die, die ich halt bin. Es gibt auch keine Bühnenfigur Sookee. So wie ich hier sitze, so würde ich auch auf die Bühne latschen. Ich bin keine nice Klamaukbraut.

Eine Option wäre ja vielleicht Cloudrap gewesen. Das Thema hat mich zuletzt sehr beschäftigt, auch weil die These im Raum steht, dass innerhalb von Cloud Rap immer mehr Geschlechtergrenzen verschwimmen, das eine Haiyti etwa gerade einfach nur Hip Hop macht im Gegensatz zu einer Kitty Kat, die sich immer auch als Frau positionieren musste. Teilst du diese Wahrnehmung?

Ich finde es immer schwierig, Phänomene an einem Beispiel festzumachen. Es hat glaub ich weniger was mit Cloud Rap zu tun als damit, dass gerade so viele Frauen da sind, dass die Rollen so langsam auserzählt sind. Die Credits müssten eher an alle Frauen gehen, die Hip Hop machen und weniger an Cloud Rap. Vielleicht bräuchte ich aber auch noch zwei, drei Beispiele, um diese These mittragen zu können.

Es gibt auf jeden Fall niemanden in dem Spektrum, der diese hypermaskuline Schiene bedient. Sowohl was die musikalische Ästhetik als auch die Texte oder den Vortrag an sich angeht grenzen die sich von Leuten wie Kollegah ab, bei denen von Beats über Texten bis zu den Videos alles aufgepumpt ist. Im Cloud Rap denkt man vielleicht nicht bewusst eine andere Männlichkeit, sie ist einfach da.

Aber es geht ja schon um so ein Dienstleistungsding, dieses „Wir sind so frei und reich und alles ist egal, alles ist Kunst“, aber die Groupies sind ja trotzdem Teil der Geschichte. „Ich ficke die Bitches“ steckt ja trotzdem noch da drin. Keine Ahnung ob man da irgendwie auch Moneyboy reinnimmt, aber ich denk da an eine Szene aus seinen Videos, wo zwei total abgenervte Bräute neben diesem Kauz sitzen. Ich will das auch nicht verneinen, weil ich es ja gern hätte, aber da gibt es eben auch andere Leute abseits von Cloud Rap, die für solche Entwicklungen zuständig sind. Ich find Veedeel Kaztro ist da wirklich ein gutes Beispiel, oder auch jemand wie Edgar Wasser oder Maeckes. Die alle tragen dazu bei, dass es andere Optionen neben der hypermaskulinen Scheiße gibt.

Hier geht’s weiter zur Albumkritik und zum Albumstream von „Mortem & Makeup“.