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Durch die ungarische Hauptstadt Budapest fließt die Donau und trennt die Stadtteile Buda und Pest. Im Norden der Stadt, auf einer Donauinsel, findet seit nunmehr 25 Jahren das Sziget Festival statt. Das 7-tägige Festival ist vor allem für seine unglaubliche Vielfalt und ein prall gefülltes Rahmenprogramm bekannt. In diesem Jahr zählte das Festival Besucher Nummer 8.000.000. Das Geschenk: Lebenslang freier Eintritt. Ich war es leider nicht, trotzdem war ich einer unter insgesamt 400.000 Besuchern, der in diesem Jahr den Weg auf die Island of Freedom fand.

Das Sziget ist so viel mehr als ein Musikfestival. Es ist ein Akt der Freiheit. Der der Kunst und die der Besucher. Für mich etwa, um bei 36 Grad und wolkenlosem Himmel dem Hamburger „Sommer“ zu entfliehen und in eine surreale Welt voller Musik, Kunst und Party einzutauschen. Oder den bereits früh angereisten Szitizens, die 100 Meter vor der Main Stage ihr Zelt aufschlagen. Auf der Insel kann man sich an jeder Ecke austoben, viele kleine Details erleben, selbst Kunst kreieren oder einfach das internationale Musikprogramm genießen. Zur Jubiläumsausgabe wartet das Festival mit Headlinern wie Pink!, alt-J, Kasabian, Biffy Clyro oder Two Door Cinema Club auf, hat aber auch zahlreiche kleinere Bühnen quer über die Insel verstreut. Obendrauf kommt ein buntes Programm, wie man es auf kaum einem anderen Festival erleben kann. So wird die Insel für sieben Tage ein Sammelsurium moderner Hippies, die Freiheit und Liebe feiern. Neben den typischen Anfang 20 Festivalgängern aus aller Welt, die bei jeder günstigen Gelegenheit ihr Smartphone zücken und Selfies machen, gesellen sich auch viele Ü40-Leute und insbesondere Familien unter das Festivalvolk. Vereinzelt laufen mir auch Menschen jenseits der 60 über den Weg.

Der Eingang zur Island of Freedom, auf der sich jeden Tag gut 90.000 Zuschauer tummeln, führt über eine stillgelegte Zugbrücke. Ich bekomme einen stilechten Pass mit allen wichtigen Informationen in die Hand gedrückt, der mich auf die unzähligen Möglichkeiten hinweist. Auf der zweiten Seite kann man Stempel sammeln, mit allen Einträgen wird man offizieller Szitizen. Bewohner einer Insel und Bürger eines Festivals, das gleichzeitig ein politisches Statement in Ungarn ist. Denn hier zeigt sich das zufriedene Miteinander und der kulturelle Austausch von über 100 Nationen. Klar geht es um Party und Musik, aber auch um gegenseitigen Respekt, Interesse an Kunst und der Gesellschaft anderer Länder. Und dass in einem Land, dessen Regierung seit Jahren immer weiter vom politischen Gedanken der EU abdriftet. Die Veranstalter betonen, sie haben kaum Kontakt zur Regierung, kommentieren die Politik auch nicht. Im Gegenzug lässt die Regierung das Festival in Ruhe, warum sollte man auch einen der Hauptattraktionen Ungarns Restriktionen aufdrücken wollen?

Ich habe nach vier Tagen nur die Hälfte der Stempel im Pass gesammelt, es gibt einfach neben dem prall gefüllten Musikprogramm zu viel zu entdecken: politische Kunst, Workshops, Infostände von NGOs, einen Jahrmarkt, Fußball- und Beachvolleyballfelder und ein großer Zirkus. Kurz gesagt: Ein riesiger Vergnügungspark. Egal, welche Abzweigung ich nehme, immer gibt es viele kleine und große Details zu entdecken. Neben der Main Stage und einem großen roten Zelt, dass selbst aus der Luft schnell zu entdecken ist, gibt es auf der World Stage, der Europe Stage und im Afro-Latin-Reggae-Village Musik aus 52 Ländern der Welt zu bestaunen. Den Künstlern wird dabei eine Menge Zeit gegeben, selbst vermeintliche Insider-Tipps wie Alice Phoebe Lou oder die deutschen Hardcore-Newcomer Van Holzen, die leider eher weniger Besucher bei ihrem Auftritt hatten, stehen für über eine Stunde lang auf der Bühne. Stars wie PJ Harvey, Biffy Clyro oder Kasabian können in 90 Minuten ihre Musik entfalten und eine dicke Show abliefern.

Viel interessanter als die Musik jedoch finde ich das neugierige Herumschlendern. Während ich mich gerade noch in einer Ausstellung über europäische Migration informiere, wird ein paar Meter weiter eine Oper samt Orchester aufgeführt. Während ein Bariton über sein Leid klagt, liegen die Zuschauer auf bequemen Kissen. An anderer Stelle spielt ein afrikanisches Sextett auf Bongos und Trommeln und macht dabei Flic-Flacs. Ein Jahrmarkt lockt mit Karussell, Büchsenwerfen und Puppenspielern. Auf dem Weg zum Zirkus komme ich an einer Wand vorbei. „Before i die“ steht in großen Lettern drauf, mit Kreide schreiben die Leute ihre Vorstellungen nieder.

Die Island of Freedom lebt ihren Namen, sie ist eine große Party mit unzähligen Möglichkeiten. Um alles zu entdecken, reichen vier Tage bei Weitem nicht aus. Zwar bin ich vom Line up etwas enttäuscht, verpasste aber auch Größen wie Marteria und Käpt’n Peng, die trotz deutscher Texte frenetisch gefeiert wurden. Im Vergleich zum Vorjahr fehlen mir Highlights wie Muse, Chemical Brothers oder Die Antwoord. Zumindest einen musikalischen Traum konnte ich mir erfüllen: Die Allah-Las, mit denen ich auch ein mäßig erfolgreiches Interview führen durfte. Aber eins ist sicher: Für diese unvergleichliche Atmosphäre komme ich definitiv wieder. Mit einem hoffentlich besserem Line up, aber den gleichen verrückten Menschen und Attraktionen.

Die Reise zum Sziget Festival wurde vom ungarischen Tourismusministerium und Factory92 finanziert und organisiert. Testspiel bedankt sich für diese einmalige Möglichkeit.