winstons

1969 erschien „Amen, Brother“ als B-Seite des Albums „Color him Father“ von der Funk & Soul Band The Winstons (deren Saxophonist übrigens mit Curtis Mayfield spielte). Der Track wurde aufgenommen, gepresst, veröffentlicht. Nichts besonderes.

Nur wurde dem Drumloop in der Mitte des Liedes durch die Ankunft des Samplers in den 80er Jahren wieder Leben eingehaucht. Der Rest ist Geschichte. Zunächst durch Hip Hop, dann durch elektronische Musik und Popmusik, wurde der Drumloop weltberühmt und heißt heute „The Amen Break.“ Dieser wurde und ist bis heute eine allgegenwärtige Kulisse der popkulturellen Geräuschlandschaft, wiederzufinden in tausenden  Tracks und sogar in Werbung für Pharmakonzerne. So ist der Amen Break zum Beispiel wiederzufinden in NWAs Straight Outta Compton, Poison von The Prodigy, Wordz of Wizdom von 3rd Bass, Beautiful Vibes von Scooter, Amy Winehouse You Know I’m No Good, Scary Monsters and Nice Sprites von Skrillex und und und…  Fast jedes Genre hat sich scheinbar mal am Amen Break bedient. Daher ist es gerechtfertigt zu sagen, dass dies die wohl wichtigsten 6 Sekunden Schlagzeug der Welt sind. Gestern, heute, morgen, übermorgen.

Es wurde so oft, in so vielen verschiedenen Kontexten benutzt, dass The Amen Break nun höchstwahrscheinlich schon Teil unseres kollektiven Audiounterbewusstseins geworden ist. The Economist beschrieb es als „Short burst of drumming that changed the face of music.“ Nichtsdestotrotz haben weder der Schlagzeuger, Gregory Coleman, noch der Copyright Inhaber, Richard Spencer, jemals einen Groschen durch die Wiederverwendung ihrer Musik erhalten, wegen irgendeinem Copyright-Dings in den USA, das besagt, dass Urheberrechtsverletzungen, wie die Nutzung dieses Samples, innerhalb von 3 Jahren gemeldet werden müssen. Richard Spencer hatte jedoch nie etwas vom Zweitleben des Schlagzeugsolos mitbekommen. Erst in 1996, als ihn ein Britisches Label kontaktierte, um die Master Tapes zu kaufen. Ein Plagiat bleibt dennoch ein Plagiat, auch wenn es schmeichelhaft sein mag. So wurde eine Crowdfunding Kampagne ins Leben gerufen, um zumindest Richard Spencer als Urheber des Amen Break finanziell zu würdigen. Der Schlagzeuger Gregory Coleman ist als Obdachloser in Atlanta verstorben. Die Crowdfunding Kampagne von Martyn Webster und Steve Theobald endete im August mit 24.000 Pfund (ca. 33.000 €) von etwa 1.800 Teilnehmern (weniger, als Lieder in denen der Amen Break vorkommt) und wurde kürzlich an Spencer ausgezahlt. Der Kartoffelsalat brachte es innerhalb nur eines Monats auf 55.000 $ (51.000 €) von rund 7.000 Menschen. Die Frage danach, wovon die Menschheit wohl mehr profitiert, beantwortet sich von selbst. Und irgendwie macht es traurig zu lernen, dass dieser bedeutende Teil unserer (Musik)Kultur so wenig gewürdigt wird. Bis heute wussten die Meisten wohl nicht Mal von den absurden Umständen, die damit zusammen hängen – inkl. meiner Person. Wenigstens hat Richard Spencer jetzt noch ein angenehmes finanzielles Polster bekommen, auf dem er sich etwas entspannter zur Ruhe setzen kann. Wer noch mehr über den Amen Break erfahren möchte, kann sich kurz in die Zeitmaschine setzen und hier klicken, um das BBC Special zu sehen.

(via Nerdcore)

 

 

Geboren im Ruhrgebeat und nach 6 Jahren Ausland, hat Roman 2013 Berlin zu seiner Wahlheimat gemacht. Neben der täglichen, leidenschaftlichen Suche nach neuer, guter Musik (fast) aller Genres, ist er Wissenschaftler.