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Charles Bradley legt beim Interview mit Testspiel.de eine kleine Tanzeinlage ein. Foto: Kai Müller

Letzte Woche traf ich mich auf einen Kaffee mit Charles Bradley, dessen neues Album Changes am 1. April bei Dunham/Daptone Records erscheint. Im April gibt er Konzerte in Köln, Berlin und Hamburg. Schonungslos und fordernd ruft er zu mehr Mitgefühl und Verständnis zwischen den Generationen auf, in einer Welt, die durch Gewalt gespalten ist. Die neue Größe am Soulhimmel nahm sich Zeit, um mir einige Fragen zu beantworten. Wir unterhielten uns über seinen Erfolg, Antrieb und wie er seine Musik machen möchte. Danach tanzte er für unseren Fotografen Kai Müller.

Hallo Charles, wie geht’s Dir? Wie ist es in Berlin?

Ich probiere jung zu bleiben und sehe nach vorn. Die Interviews nehmen viel Zeit in Anspruch. Ich bin in Europa angekommen und renne seit 11 Tagen von Land zu Land um Interviews zu geben. Morgen früh reise ich zurück nach Miami – Und dann gehen die Konzerte los.

Was macht dich zum Screaming Eagle of Soul?

Das kommt von den Leuten der Budos Band. Während einem meiner Konzerte trug ich ein T-Shirt mit einem Adler auf dem Rücken. Wenn ich so machte – er breitet die Arme aus – sah es aus, als würde der Adler seine Flügel spreizen. Danach kamen die Budos auf mich zu und riefen: „Der Screaming Eagle of Soul!“. Tja, das wars. Ab dem Punkt fing jeder an mich so zu nennen. Und das ist bis heute so.

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Charles Bradley, Foto: Kai Müller

Vor einer Weile sagtest Du in einem anderen Interview „Charles ist in der Dunkelheit und will mehr darüber herausfinden, wer er ist.“ Hast Du mehr herausgefunden?

Ich mache immer noch viele Veränderungen in meinem Leben durch. Viele Dinge passieren. Im Privatleben, in der Familie. Im Augenblick habe ich begonnen aus der Dunkelheit herauszuklettern, aber bekomme viel Neid ab, in der Hood und dort, wo ich aufgewachsen bin. Manchmal weißt Du nicht, wer dein Freund ist und wer nicht. Also musst Du lernen, wie Du in dir ruhst, wie Du selbst gut zu dir sein kannst, die Leute um dich herum anschauen kannst und herausfindest, wer echt ist. Aber ich muss mich auf mein eigenes Leben konzentrieren. Ich mache tiefe Veränderungen durch, während ich mich vorwärts bewege. Ich muss mich vorwärts bewegen, denn ich will nicht zur Vergangenheit zurückkehren.

Wie hätte sich deine Karriere entwickelt, wenn deine Vergangenheit einfacher gewesen wäre?

Ich bin ein Überlebenskünstler. Ich bin Allrounder, bin Koch, mache alles was geht, solange es aufrichtig ist, habe immer meine Musik gemacht und die Pennies auf die hohe Kante gelegt. Ich weiß nicht, wie sich meine Musik anhören würde, hätte ich nicht das durchgemacht, was mir widerfahren ist.

Soul hat lyrisch oft mit Verzweiflung und Sehnsucht zu tun. Was ist das Positive?

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Charles Bradley, Foto: Kai Müller

Was ich mit meiner Musik bewege ist positiv. Viele Teenager und junge Leute danken mir für die Möglichkeit durch meine Musik zu sehen, was in mir vorgeht und was man schaffen kann. Die Musik ist die Bühne für meine Persönlichkeit und Tiefe. Ich singe wie ich mich fühle und meine Musik erzählt die Wahrheit. In New York und den USA allgemein passiert viel. Dinge werden schön geredet. Die Kids heutzutage kommen an Waffen, überfallen Läden und sind nur 17 oder 18 Jahre alt. Sie haben keine Eltern, leben wer-weiß-wo und versuchen trotzdem an ihren Unterhalt zu kommen. Sie haben keine Ausbildung, keine Moral und bräuchten eigentlich Nächstenliebe und Mitgefühl. Jemand, der wirklich mit ihnen redet und ihnen Hilfestellung leistet, mit Alter und Erfahrung den Weg aufzeigt. Es passiert viel in den Staaten. Mal ab von den Wahlen: Es ist verrückt in den Staaten.

 

Auf Changes singst Du davon, dass Du Zeit zum Lieben brauchst. Wie meinst du das?

In meinem Privatleben habe ich keine Liebe. Ich bin so beschäftigt, probiere immer noch mein Leben auf die Kette zu kriegen. Ich bin seit meinem 14. Lebensjahr alleine, hatte keine Vorbilder – Naja, außer James Brown. Seine Musik mag ich. Aber der hat mir auch nicht gesagt, was ich machen soll. Alles was ich tat, war meine Entscheidung und manchmal bin ich damit auf die Schnauze gefallen, aber ich bin sofort wieder aufgestanden und habe es nochmal versucht. Ich hab’s auf die schwere Tour gelernt. So ist mein Leben immer gewesen. Manchmal ist es sehr beängstigend, zum Beispiel als ich 62 wurde und kurz vorm Aufgeben war. Tom Brenneck und Gabriel Roth gaben mir dann eine Chance als Zimmermann. Und als ich ankam sahen sie wie gut ich meine Arbeit mache, denn egal was ich mache, ich gebe immer mein Bestes. So wissen die Leute, dass ich für diese Möglichkeit alles gebe. Ich arbeitete also bei Tom und Gabriel. Als ich beim Keller ankam, sah ich wie viel Musik, Vinyls und CDs dort gelagert waren. Tom kam also runter und sah wie ordentlich ich meine Arbeit gemacht habe. Die Gelegenheit habe ich ergriffen und ihm von meiner Musik erzählt. Glücklicherweise stand ein Konzert von Sharon Jones an und er sagte: „Da kannst du mitmachen, aber du musst diesen Song hier lernen und so sollst du ihn singen.“ Ich mochte den Song nicht, aber ich ging los und lernte ihn. Keine Ahnung, welcher Song es war, aber ich fand ihn echt nicht gut. Er passte mir nicht und ich durfte ihn nicht so bringen, wie ich wollte.  Als ich dann auf die Bühne ging, sang ich ihn einfach so, wie ich wollte. Und das Publikum? Sie fanden es super. Deshalb war man nicht sauer auf mich. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Video Charles Bradley Change For The World

Wie beeinflusst dein Erfolg deine Musik und den kreativen Prozess dahinter?

Der Erfolg beeinflusst meine Musik. Ich bin immernoch nicht in der Position, dass ich meine eigenen Entscheidungen treffen kann. Ich bin ein Neuling. Viele, die schon länger im Business sind, können mich herumscheuchen. Und ich mache was sie von mir wollen, denn wenn man von ganz unten kommt, anfängt zu steigen, dann ist das so. Ich probiere immer noch meine eigene, wirklich tiefe Identität und Rolle zu finden, damit ich aufstehe und die Dinge so angehen kann, wie ich es möchte.

„Ich will zu meinen Wurzeln zurück und Musik mit meinem eigenen Ohr schaffen – So, wie ich sie höre.“

Wie möchtest Du die Dinge denn angehen?

Ich will zu meinen Wurzeln zurückkehren und diese nach vorne bringen. Manchmal komponieren die Leute ihre Musik, reichen sie an dich weiter und wollen, dass Du es so machst, wie sie es sich vorstellen. Ich will zu meinen Wurzeln zurück und Musik mit meinem eigenen Ohr schaffen – So, wie ich sie höre. Wenn Du Menschen um eine Chance anbettelst und sie dir diese Chance geben, dann musst du sozial sein. Wenn Du den Menschen das geben kannst, was sie wollen, dann gib es ihnen! Wenn ich mal wieder einen Rappel bekomme und wider ihrer Erwartungen handeln will, dann tue ich das nur bis zu einem gewissen Punkt. Aber so richtig mein Ding durchziehen, das kann ich nicht, noch nicht. Die Musik ist schon vorbereitet für die Art und Weise, wie sie von den Machern gedacht ist. Manchmal sage ich dann „Stop, lass es uns anders machen!“ Danach kennen sie den Unterschied zwischen einem Rumpsteak und einem T-Bone Steak.

Berlin ist ein großer Name in der Elektroszene. Deine Musik ist organisch und analog. Welchen anderen Musikstil würdest du gerne ausprobieren?

Damit wären wir wieder bei den Wurzeln. Früher gab es Blues. Dann kam der Rhythm and Blues. Hier kommt James Brown ins Spiel. Das ist meine Ära: Meine Ära ist Blues und Rhythm and Blues. Aber ich hatte bisher noch nicht die Gelegenheit, diese Kultur zum Vorschein zu bringen. Blues ist etwas, das man durchgemacht hat und es tut weh. Es ist roh. Wenn Du den Rhythm reinbringst, ist es wie den Kuchen mit der Glasur bekannt zu machen. Das ist wo mein Geist und meine Seele wirklich sind. Manche Dinge, die ich mache, sind moderner Rhythm and Blues, aber nicht das Original. Ich will das Original machen, aber momentan mache ich das, wozu mir meine Verantwortlichen die Gelegenheit bieten. Ich lerne erstmal, wie man ein Rumpsteak zubereitet und dann wage ich mich ans T-Bone Steak.

Du hast viel mit der Menahan Street Band zusammen gearbeitet. Auf deinem neuen Album Changes kollaborierst Du mit dem gesamten Daptones Universum. Wie ist deine Beziehung zu den Menschen, mit denen Du arbeitest?

Ich bin dankbar und liebe die Leute, die ich so getroffen habe. Sie kennen mich, aber nicht meine Tiefe. Die haben sie noch nicht erfahren. Ich könnte sie Dir sagen und du würdest mich hören, aber du wüsstest nicht, was dahinter steckt. Das braucht Zeit. Am Anfang war es pur freundschaftlich. Keine Regeln, kein Papierkram. Wir haben uns einfach getroffen und eine gute Zeit beim Jammen gehabt. Wenn ich was gutes rausbrachte, dann schrieben sie es nieder und wir nahmen es auf. Es war nach dem Motto „Hey Charles, komm ins Studio. Ich gebe dir das wenn du dies tust.“  Selbst war ich viel auf Achse und musste Geld verdienen wo ich konnte, also war ich für sowas immer offen. Die Dinge entwickelten sich weiter und dann zog Tom nach New York. Er rief mich rüber und wir fingen an zu reden. Kurz zuvor sagte mir ein Bekannter, dass ich mit jemandem reden muss. Ich machte eine tiefe Depression durch, weil ich gerade meinen Bruder verloren hatte. Darüber sprachen Tom und ich. Auf einmal sagte Tom: „Weißt du, ich würde das gerne aufnehmen.“ Irgendwann meinte er dann „Ich glaube wir haben hier etwas. Ich möchte ein Album damit produzieren.“ Und das taten wir auch. Von dem Moment an lief es und ich flüsterte mir noch etwas ungläubig zu „Wow, ich bin drin. Ich bin drin!“ Alles nahm seinen Lauf. Stay firm!

Charles Bradleys neues Album “Changes” erscheint am 1. April 2016 auf Dunham Records.

Albumstream Charles Bradley „Changes“

Geboren im Ruhrgebeat und nach 6 Jahren Ausland, hat Roman 2013 Berlin zu seiner Wahlheimat gemacht. Neben der täglichen, leidenschaftlichen Suche nach neuer, guter Musik (fast) aller Genres, ist er Wissenschaftler.