Die Unmöglichkeit des richtigen Lebens im Falschen ist eine alte Gewissheit der kritischen Theorie, eine wohlige Pattsituation, in die sich viele heute gerne fallen lassen, weil man ja gerne würde, aber. Wohin Rebellion trotz allem führen kann, das haben die vergangenen Monate in bunten Farben ausgemalt, drei davon regieren demnächst vielleicht sogar dieses Land. Wie sich dazu nun positioniert werden soll, das weiß keiner so richtig, gerade wenn Kritik von Außen anscheinend gar keine Option mehr darstellt. Das wohlige Patt verwandelt sich daher in ein frustrierendes Patt, eines, das einsperrt, in dem alle Züge schon durchgespielt sind und weitere sich zwar erübrigen, aber nun ja, das Spiel geht eben weiter. Was bleibt ist Hass, der sich zwangsläufig nur nach innen fressen kann.

Dass Zugezogen Maskulin auch mit dieser alten Volksweise von Großvater Adorno vertraut sind, zeigten sie bereits auf ihrem Debüt „Alles brennt“, zudem jedoch auch, dass es dabei weniger um eine Ausrede als das Anerkennen eines das Leben bestimmenden Widerspruchs geht, deutlich gemacht in der wenige Zeilen zuvor erscheinenden Gegenüberstellung „Beamer, Benz und Bentley – Lenin, Marx und Engels“. Derartige Sätze waren es, die Zugezogen Maskulin dereinst ins Feuilleton brachten, wo sie in Stellung gebracht wurden: Gegen ihre Zeit, ihre Szene, und damit irgendwie auch sich selbst. Bessern dürfte sich die Situation mit „Alle gegen alle“ kaum, aber dieses Mal positionieren sie sich immerhin schon dem Titel nach klarer: Wenn alle gegen alle spielen heißt das eben auch, dass die beiden Protagonisten dieser Platte sich nicht rausreden können. Sie sind Teil dieser Scheiße.

Diese Perspektive rückt Songs wie die Generationsschelte „Was für eine Zeit“ ins rechte Licht, nämlich raus aus der Besserwisserei, rein in die die bittere, selbstzerstörerische Wut. Natürlich kriegen im Verlauf der Platte nicht nur Psaiko.Dino, Craftbeer und Post-Bros ihr Fett weg, sondern unbedingt auch bei Supreme einkaufende Deutschrapper, Fitnessblogger und als Ostblock-Hools verkleidete Kunststudentenkeks, doch keinesfalls handelt es sich bei diesen unterhaltsamen Ohrfeigen um den thematischen Kern der Platte. Natürlich hängen nämlich auch Grim104 und Testo von Plattenverkäufen ab, natürlich haben auch sie sich dieses Mal zumindest ein bisschen vom hippen Markus Ganter produzieren lassen, natürlich bringen sie ihre neue Platte in Kooperation mit Four Music und Sony heraus, natürlich gibt es eine Vorbestellerbox.

Die beiden wissen, dass ihre Kritik spätestens durch diese Kontexte äußerst prekär wird. Bemerkbar wird das unter anderem, wenn sie durch zahlreiche Youtubeinterviews um das Thema Box herumclownen, weil sich irgendwie dazu verhalten werden muss, dass da möglicherweise gerade die eigene Autorität untergraben wird. Dabei liefert die überzeugendste Strategie „Alle gegen alle“ selbst: Es werden keine Utopien entworfen, keine Vorschläge gemacht, stattdessen spricht aus der Platte eine kalte Mischung aus Zorn, Depression und Heimatlosigkeit.

Insofern knüpft die Platte durchaus an den Vorgänger an, vor allem, wenn die beiden sich wie in „Steffi Graf“ oder „Stirb!“ mit brachialen Silkersoft Beats auf die Gesellschaft stürzen, selbst wenn dieses Mal zu Gunsten des abstrakten Wahnwitzes etwas weniger Wert auf das genau Porträt und die konkrete Situation gelegt wird als noch vor zwei Jahren. Tendenziell sind es jedoch auch diese Momente, in denen alte Probleme reproduziert werden: In Sachen Aufbau und Dynamik waren sich schon die Stücke auf „Alles brennt“ sehr ähnlich, im zweiten Aufguss wirken diese Gemeinsamkeiten mitunter etwas schablonenhaft, gerade weil parallel dazu klanglich einiges passiert.

Wo der Titeltrack die gewohnte Zusammensetzung um ein wenig semi-punkige Elektronik anreichert, da ist es vor allem der hintere Teil der Platte, in dem sich fundamentale Änderungen finden: „Nachtbus“ schwankt zwischen Throwback und bizarrem Abriss, „Teenage Werwolf“ aktualisiert Synthpop, „Der müde Tod“ wird von einem besonders tristen Glockenspiel heimgesucht. Gerade diese Stücke eint außerdem eine gewisse Schwere, nicht selten verbunden mit einem Blick zurück, den man von Zugezogen Maskulin ja kennt. Ihre Dörfer sind eine inhaltliche Konstante, nie war die Heimatlosigkeit zwischen Stadt und Land jedoch so erdrückend wie auf „Alle gegen alle“. Daher ist „Der müde Tod“ auch weit mehr als ein belangloser Thementrack: Er ist die surrealistisch angehauchte Konsequenz aus der andernorts per Ausschluss forcierten Lebensmüdigkeit.

Dabei handelt es sich nie nur um individuelle Schicksale, gerade Testo pumpt seine Erfahrungen immer wieder auf gesamtgesellschaftliches Format auf. Die Grenzen sind dabei ja klar gezogen, nicht nur zwischen Deutschland und seiner Umgebung, zwischen Bildungsbürgertum und Proll, sondern auch zwischen Ost und West, markiert vor allem im hervorragend mit Analogien spielenden Kriegsheimkehrerblues „Steine & Draht“. Auf wen man da am Ende sauer, weswegen genau man eigentlich traurig sein soll, das bleibt in der Schwebe über einer Gitarre, die wie ein deplatziertes „Wind Of Change“ Echo anmutet. Schuldige gibt es viele, Lösungen hingegen gar keine, und in eben dieser nicht aufgelösten Spannung besteht die Klasse des hier versammelten Materials, trotz kleinerer Mängel im Songwriting.

Alle gegen alle erscheint am 20.10. via Four Music auf Platte, CD und digital.