Das Konzept „Scheitern als Chance“ hat – gerade im Pop-Bereich – zu Genüge unter Beweis gestellt, dass es oft eben doch nur ein neoliberaler Mythos ist, der mit der Realität nicht viel zu tun hat. Scheitern, kreativ wie kommerziell, ist selten mehr als der Anfang vom Ende, entweder weil sich die betroffenen Künstler frustriert aus dem Geschäft entfernen oder die Luft einfach ganz einfach raus ist und ab diesem Punkt bestenfalls nett grüßende Mittelmäßigkeiten zu erwarten sind. Nika Roza Danilova passierte mit ihrem Projekt Zola Jesus vor drei Jahren gleich beides: Das Album „Taiga“ war geplant als Vollendung eines schon länger anvisierten Pop-Sounds, der sich mit der Kraft des Indie-Giganten Mute auch finanziell auszahlen sollte, sich aber am Ende weder verkaufte noch musikalisch – in Summe aller Teile – überzeugen konnte.

Letzten Endes vermittelte dieses Ergebnis den Eindruck, Danilova sei ganz einfach einen Schritt zu weit gegangen und habe dabei ihr Profil verloren, dieses charakteristische Spannungsverhältnis aus kaputter Elektronik, elegischen Streichern und ihrer durchtrainierten Stimme, das in unterschiedlichen Nuancen all ihre Arbeiten beim Düsternisexpertenlabel Sacred Bones ausgezeichnet hatte. Erschreckend banal wirkt nun zunächst der Versuch, diesen zuletzt gegangenen Schritt in allen Belangen rückgängig zu machen und mit „Okovi“ eine Platte zu veröffentlichen, die vom Klangbild über Artwork und Label bis zum Wohnort der Künstlerin alle alten Markenzeichen zurückerobern möchte.

Schnell hätte all das billig wirken können, würde das Resultat den Eindruck vermitteln, die Geschichte rund um Zola Jesus sei einfach auserzählt und erschöpfe sich nun in plumper Wiederholung alter Errungenschaften. Danilova wehrt sich jedoch endlich wieder tatkräftig gegen sich öffnende Schubladen, manövriert ihre Lieder immer wieder aus vorschnellen Kategorisierungen heraus und scheut dabei auch nicht die Arbeit am leidigen Projekt Pop. Diese erfolgt jedoch nicht mehr überfallartig, sondern entwickelt sorgfältig das vorliegende Material, um etwa aus dem durchaus finsteren „Soak“ im Refrain eine Selbstermächtigungshymne zu machen, für die sich Beats und Synthesizer kurz zu einer harmonischen Einheit formieren, nur um im weiteren Verlauf des Albums gleich mehrfach wieder gebrochen zu werden.

Auch Danilova zeigt wieder mehr Bereitschaft, ihre eigentümliche Stimme nicht nur in die Dienste bizarrer Popsongs zu stellen, sondern oft genug mit den Stücken zu verschmelzen (im Cinemascope-Closer „Half Life“), sie aus dem Hintergrund heimzusuchen oder sich ganz im Gegenteil zu einem Chor aufzubauschen und damit erst den Song hervorzubringen (im sphärischen Auftakt „Doma“). Dieses Gefühl für Ambiente und das Spiel mit diesem prägt „Okovi“: „Veka“ geht etwa den weiten Weg von einem desolaten Instrumental bis hin zu einem straighten, tanzbaren Beat der den Vorhang in Richtung Goth-Disco lüftet, in der sich später „Remains“ mit strengem Synthesizer und nervösem Beat voll entfaltet. All diesen Momenten steckt eine gewisse Düsternis in den Knochen, die sich nicht zuletzt aus den Texten speist. Der Tod und, konkreter noch, Selbstmord in unterschiedlichen Nuancen bestimmen das Album, als persönlicher Appell ebenso wie abstraktes Selbstermächtigungsdrama („Soak“).

Besonders eindringlich formuliert dieses Thema die erste Single „Exhumed“, in der Danilova zu abgehackten Streichern gegen sich selbst antritt und damit eben jene Herausforderung sucht, die dem Vorgänger fehlten. Dass Derartiges neben einem sanften Stück wie „Witness“ bestehen kann hat eben genau damit zu tun dass es schon immer die Bruchstellen waren, an denen die Musik rund um Zola Jesus interessant wurde. „Okovi“ überzeugt tatsächlich am ehesten in seiner Gesamtheit, wenn sich simple Textzeilen und dramatische Gesten, lasche Instrumentierung und strenge Ausgestaltung kontrastieren und dem grauen Herbstwetter nebenbei ein paar weitere Grauschattierungen beibringen.

„Okovi“ erscheint am 8.9. via Sacred Bones auf Platte, CD und digital.