zaum-eidolon-1024x1024

Es gibt grundsätzliche verschiedene Quellen, aus denen sich Horror speisen kann. Physische Gewalt ist sicherlich eine, ebenso wie das Gefühl, es mit einer übernatürlichen, überlegenen Macht zu tun zu haben. Ein solches Potential kann auch das Alte, Fremdgewordene vermitteln, wie nicht zuletzt H.P. Lovecraft regelmäßig in seinen Werken vorführte. Nun docken Zaum nicht direkt an diesen Autor an, doch sie spielen mit ähnlichen Versatzstücken, bedienen sich fremder Kulturen und ausgestorbener Praktiken, um den Hörer in einen Zustand wohliger Beunruhigung zu versetzen.

Eine Übermacht suggerieren sie zunächst ganz plastisch durch schiere Gigantomanie, die dem Genre Doom Metal natürlich nicht fremd ist. „Eidolon“, ihr zweites, dieser Tage erschienenes Album (das es übrigens nur via Bandcamp im Stream gibt und daher nicht unter diesem Artikel eingebettet werden konnte), besteht aus lediglich zwei Songs, was dem nicht mehr ganz naiven Musik-Connaisseur zwangsläufig Schweißtropfen auf die Stirn treiben muss. Derartige Ausgangssituationen schreien nach Triumph oder Niederlage; entweder, die Musik löst etwas aus, oder eben nicht. Sich mit ein paar Hits, guten Riffs und cleveren Strukturen rauszureißen, ist hingegen beinahe unmöglich.

Doch Zaum legen ihre Karten rasch auf den Tisch und nehmen uns Hörer an die Hand. Erste Indizien liefern Cover und Titel, aufgeklärt wird der Fall in der ersten Hälfte namens „Influence Of The Magi“: Orientalische Samples und Gesänge, die aus Ruinen zu uns zu hallen scheinen, werden hier so wenig klischeebeladen, dafür stimmungsvoll als möglich eingesetzt, und erzeugen eine sakrale Versunkenheit, wie man sie vor allem von den Kollegen Om kennt, die hier definitiv als Vorbild, nicht jedoch als passgenaue Vorlage fungieren. Gerade in Sachen Gesang geben sich Zaum dynamischer, und ein bisschen mehr Interesse an saftigen Rock-Momenten haben sie dann doch als die komplett weltvergessenen Om.

So zieht sich durch „Eidolon“ ein Hang zum schweren Riff, obschon Zaum – ebenfalls wie Om – auf eine Gitarre verzichten. Umso erstaunlicher, wie das Duo in „Influence Of The Magi“ nicht nur nach einem Drittel Stoner-Rock-Strukturen in den Song einfließen lässt, sondern nach weiteren sieben Minuten sogar einen derben Sludge-Part einbaut. Das Gespür der Band für für Komposition ist ohnehin beachtlich und verhindert das Gefühl, hier elendig langen Jams beizuwohnen ebenso wie jenes, vier bis fünf Stücken zu lauschen, die zwecks Attitüde in einen Song gepresst wurden.

Ähnlich schlüssig gestaltet sich auch „The Enlightenment“, das mit ruhigen Field Recordings beginnt und am Ende, nach einem Paukenschlag, das Album wieder behutsam in der Stille versinken lässt. Dazwischen erinnert der Gesang bisweilen an Robert Smith und Morrissey, was es noch schwieriger macht, die Platte als Ganzes zu charakterisieren. Die reflexartig gezückte Kategorie Doom, ebenso wie die Ausläufer Sludge und Stoner, sind hier eben nur Komponenten, ebenso wie Post Punk, Ambient oder World Music, ohne das eine als dominierend klassifiziert werden könnte.

Es scheint also gerade jenes eingangs erwähnte Interesse am Gewichtigen zu sein, dass all diese Stile und damit auch „Eidolon“ eint und auszeichnet. Dass diesem Interesse gefröhnt wird, ohne dabei die Geduld des Hörers über Gebühr zu strapazieren und nebenbei auch noch eine faszinierende, eigenständige Atmosphäre kreiert zu haben, hebt die Platte aus der Flut an ähnlichen Veröffentlichungen hervor.

8,0/10

„Eidolon“ erscheint am 24.10. via I Hate Records auf Platte, CD, Kassette und digital.

Sebastian stammt aus Saarbrücken, lebt und studiert gerade aber in Münster. Konzerte besucht und Musik hört er dort ebenfalls, wovon gelegentlich hier zu lesen ist: http://mordopolus.tumblr.com/