Kendrick Lamar ist ein Rapper, der Versuchungen widersteht, zumindest was seine Alben angeht (das klammert etliche Features der letzten Monate ganz besonders aus, liebe Maroon 5). Nach „good kid, m.A.A.d. city“ hätte es ihm wohl niemand verübelt, das durchaus vorhandene Hit-Potential seines biographischen Werks auszubauen, doch stattdessen bewegte er sich mit „To Pimp A Butterfly“ in eine vollkommen andere Richtung. Zeitgemäße Hip-Hop-Sounds tauscht er gegen Funk und Jazz, wagte auf diese Stile jedoch einen ganz eigenen Zugriff, so dass die sozialkritischen Kommentare des Albums zugleich historisch veortet, aber auch ein Stück weit zeitlos gemacht wurden. Zu Beginn stieß diese Kurskorrektur gerade aufgrund ihrer Sperrigkeit nicht ausschließlich auf Gegenliebe, spätestens Ende 2015 hatte sich jedoch die Meinung gefestigt, es hier mit einem der bedeutensten Alben der laufenden Dekade zu tun zu haben.

Und nun also „DAMN.“, das ganz entschieden keine Fortsetzung sein möchte, sondern eine Transformation bekannter Ansätze liefert, dabei jedoch deutlich gradliniger vorgeht als „TPAB“. Die Songs sind kompakter, mit weniger kryptischen Spoken-Word-Interludes ausgestattet, was jedoch nicht zwingend mit einem Anbiedern an den Zeitgeist einhergeht; stattdessen kümmert Lamar sich darum, weiterhin einen eigenen Sound zu suchen und dabei bewusst Erwartungen zu karikieren. Alleine der Opener „BLOOD.“ spielt sehr unterhaltsam mit den zuletzt etablierten 70s-Referenzen, baut zudem ein rührseliges Szenario auf, nur um einen Plottwist folgen zu lassen und den klanglichen Charakter auf links zu drehen.

„DNA.“, der erste vollwertige Track, ist mit deftigen Trap-Drums ausgestattet, wird jedoch von einem vage-orientalischen, als Kontrast fungierenden Sample durchzogen. Lamar betont dabei erneut seine afroamerikanische Identität, die eine vollkommen neue Relevanz erhält, als der Ton innerhalb der Bridge erneut kippt und über dramatischen Streichern ein Fox-News-Sample auftaucht, in dem ein Auftritt des Rappers im Rahmen der BET-Awards verurteilt wird. Im Anschluss steigert sich die Intensität der Darbietung Lamars deutlich, während er selbstbewusst Stellung zu den Anschuldigungen bezieht – dramaturgisch einer der besten Momente des Albums.

Derlei um die Ecke Produziertes gibt es auf „DAMN.“ anscheinend gerade dann, wenn es politisch wird. Ausgerechnet das mit einem U2 Feature aufwartende „XXX.“ erweist sich als verdreht Nummer, mit einem in der Hook so dezent agierenden Bono, dass es ein geübtes Ohr braucht, um sich das von ihm gewohnten Pathos hinzuzudenken. In den Fokus rückt hier der aktuelle Status der USA und vor allem jene nicht enden wollende Polizeigewalt, die vornehmlich afroamerikanische Opfer trifft. Mit dieser klaren Stoßrichtung nimmt der Song jedoch eine Sonderstellung innerhalb der Tracklist ein.

Ansonsten werden Schellen eher im Vorbeigehen verteilt, tiefergehende Analysen können auf „TPAB“ nachgehört werden. „DAMN.“ ist eben kein Konzeptalbum im herkömmlichen Sinne, aber es gibt rote Fäden, die alles zusammenhalten. In thematischer Hinsicht sind Religion und Familie Fixpunkte, die immer wieder im Laufe des Albums auftauchen, gerne auch als bloße Referenz, die über obligatorische Glaubensbekentnisse hinausgeht. Unter diesen Songs ist gerade das lockere „YAH.“ überzeugend, mit scheppernden Drums und sehr zurückgelehnten Raps, die zwischen neu entdeckter isrealitischer Identität und „theories and suspicions“ changieren.

Generell ist die musikalische Bandbreite des Albums, ganz seinem intensiven Samplingcharakter, enorm. Da ist „PRIDE.“ mit seinem Indie-Akustikgitarren-Flavour und modulierten „Blonde“-Gedächtnisstimmen, das enorm poppige „LOVE.“ mit einer sanften Zacari Hook und das laszive, aber auch milde psychodelisch angehauchte „LOYALTY.“, in dem sich Lamar und Rihanna nicht getrennt in Hook und Verses, sondern auf Augenhöhe über ihre vermutlich größte Gemeinsamkeit unterhalten: Ruhm. Auch er zieht sich als Thema durch „DAMN.“, allerdings gefiltert auf ganz spezielle Art, etwa mit Blick auf Bescheidenheit, die in „LOYALTY.“ und „PRIDE.“ angesprochen wird, bevor „HUMBLE.“ sich in sehr hittiger und doch ohrfeigender Manier mit dem Thema auseinandersetzt.

Es war ja nun auch gerade das Video zu „HUMBLE.“, das vor einer Woche den Ton angab für „DAMN.“, der sich nun durch Sound, Texte, aber eben auch die visuelle Ästhetik zieht. Nicht zuletzt das Artwork wurde ja direkt nach Veröffentlichung heiß diskutiert, passt mit seiner schlicht-prägnanten Ästhetik aber perfekt zu Titel und Titeln des Albums. Die sind alle in Versalien geschrieben, also immer schon laut gedacht, im Sinne eines Statements mit einem Punkt versehen und greifen dabei durchweg große Themen auf, die Lamar in den Texten gnadenlos runterbricht: Am härtesten trifft es „GOD.“, der nach all den religiösen Reflektion lediglich als Projektionsfläche für ein bisschen Größenwahn dienen darf.

Doch „DAMN.“, das lässt sich bereits nach der kurzen Zeit sagen, die wir mit diesem Album verbringen durften, zeichnet sich durch eben diese Brüche aus. Es sind nicht unbedingt die Themen selbst, die hier überzeugen, es ist die Art, wie Lamar sie anpackt, wie er mit ihnen spielt und sie sich aneignet, die von seiner Erfahrung und Selbstsicherheit als Künstler zeugt. Jene Angst vorm Scheitern, die „FEAR.“ sehr detailliert behandelt und die sich auf Seite der Rezipienten in etlichen Kommentaren vor der Veröffentlichung des Albums zeigte, erweist sich letzten Endes als unberechtigt. Wie sich „DAMN.“auf Distanz entwickelt ist natürlich unklar, doch die Platte ist eingängig und hat auch nach drei, vier, fünf Durchgängen nichts an Faszination eingebüßt. Marc hatte mit seiner Prophezeiung vor wenigen Stunden also absolut recht: An diesem Album kommt in dieser Woche keiner vorbei.

„DAMN.“ erscheint am 14.04. via Aftermath/Interscope zunächst ausschließlich digital, in der Folge aber sicher auch auf anderen Medien.

„DAMN.“ Albumstream