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Album der Woche: Kanye West – The Life Of Pablo (Kritik)

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Jetzt ist alles vorbei. Kanye ist komplett übergeschnappt. Kanye hat die Kontrolle verloren. Kanye hat ein Meisterwerk aufgenommen, mal wieder. Kanye hat die Art, wie wir Kunst, Mode und Musik rezipieren, neu erfunden. All das wurde – so oder so ähnlich – in den letzten Tagen geschrieben, über Kanye West und sein siebtes Album, „The Life Of Pablo“. Ein Platte, deren Veröffentlichungs – und Entstehungsgeschichte, Stil und Präsentation von eben der Unentschlossenheit geprägt sind, die sich auch in der Rezeption widerspiegelt.

Es fällt schwer, wenige Stunden nach der Veröffentlichung seine Gedanken so weit zu sortieren, dass all die unterschiedlichen Stimmen, die man in den letzten Tagen aufgesogen hat und die in einem selbst immer wieder hochkochen, Sinn ergeben. Andererseits: Wie soll man die teils zutiefst religiösen Töne, die Kanye hier anschlägt, mit der derben, wirren Line in Richtung Taylor Swift oder den Sexfantasien aus „Freestyle 4“ zusammenbringen? Spätestens seit dem Moment, in dem ich in einem sehr leeren Kinosaal in Münster saß und dabei zusah, wie Kanye mit ein paar Kumpels vor einem Millionenpublikum sein neues Album von einem Laptop abspielt, bin ich hochgradig verwirrt.

Angekündigt war das Event am vergangenen Donnerstag als „noch nie da gewesene Kunst-Performance“, mit Erinnerungen an Kanyes legendäre Auftritte (etwa im Rahmen der „Yeezus“ Tour) im Hinterkopf durfte man also Großes erwarten. Am Ende war es dann nur eine Präsentation seiner neuen Kollektion für Adidas, die gegen Ende vollkommen aus dem Ruder lief und einer Party glich, auf der jeder Mal einen Song über den Laptop vor Ort jagen darf. Die Models, zunächst noch einer durchaus beeindruckenden Performance von Vanessa Beecroft folgend, fingen irgendwann auch einfach an zu tanzen, scheinbar ratlos die Chance zur Selbstdarstellung nutzend.

Generell schien niemand einen Plan zu haben, was genau passieren sollte, nachdem Kanye alle Songs der zu diesem Zeitpunkt aktuellen Trackliste gespielt hatte. Das wäre auch gar nicht weiter schlimm gewesen, hätte man für die Kinokarten nicht 15 Euro gezahlt; wer vor Ort im Madison Square Garden war, musste sogar im Schnitt um die 100 Dollar hinlegen, um dem Spektakel beizuwohnen, das teils eher einer Inszenierung der Kardashians denn einer legendären Kunstperformance glich. Die größte Enttäuschung war jedoch, dass es am Ende des Abends trotz gegenteiliger Ankündigung noch immer kein neues Album gab; denn die gespielte Musik, die wusste durchaus zu begeistern.

Als ich verwirrt mit anderen ratlosen Gesichtern aus dem Kino stolperte und Twitter befragte, erzählte man mir dort, dass niemand so recht wüsste, wann denn nun mit dem Album in welcher Form auch immer zu rechnen sei. Am Tag drauf veröffentlichte Kanye den Song „30 Hours“ und kündigte an, das Album mit erneut aktualisierter Trackliste noch am gleichen Tag folgen zu lassen. Erneut folgte darauf kein Album, Erlösung gab es erst im Anschluss an Kanyes Auftritt bei Saturday Night Live. Nach der Performance des Albumopeners „Ultralight Beam“ verkündete er lautstark, „The Life Of Pablo“ sei nun erhältlich.

 

Diese Zusammenfassung der letzten Tage spart sogar noch all die obskuren Non-Album-Singles („Only One“), kruden Anekdoten (als Kanye Seth Rogen zwei Stunden lang in einer Limousine sein neues Album vor rappte) und Namensänderungen aus, die es im Vorfeld gab, bietet aber dennoch einen guten Einblick in den Wahnsinn, den man als Fan des Musikers mitmachen musste in den letzten Wochen. Schön, dass es jetzt zumindest die Möglichkeit gibt, sich der Musik möglichst frei von Kontext zu widmen.

Doch wie gesagt, auch auf „The Life Of Pablo“ selbst stolpern wir durch ganz unterschiedliche, teils widersprüchliche Ansätze. Vor allem in der ersten Hälfte des Albums gibt es zum Beispiel jede Menge religiöser Einflüsse, die eher an „Jesus Walks“ denn „I Am A God“ erinnern. Modifiziert finden sich diese Anspielungen auch im Track „Wolves“, den Kanye im vergangenen Jahr unter anderem bei Saturday Night Live vorstellte – die Features von Vic Mensa und Sia. mussten auf der Album-Version jedoch einem – wunderbaren! – Outro von Frank Ocean weichen.

Die reduzierte Bedrohlichkeit dieses Songs erinnert vage an eine Mischung aus „Yeezus“ und „808s & Heartbreaks“, ebenso wie das diffus-traurige „FML“, bei dem The Weeknd für eine Hook vorbei schaut. Wie man es von Kanye gewohnt ist, geben sich die Gäste generell auf dem Album die Klinke in die Hand, doch egal ob Rihanna oder GOOD-Music-Neuzugang Desiigner, alle ordnen sich songdienlich in den Gesamtzusammenhang ein, niemand bekommt in diesem Wust einen besonders inszenierten Auftritt.

An „808s“ erinnert auch der teils massive Autotune-Einsatz, der im Gegensatz zu manchen Momenten des Albums steht, die so sehr „Hip Hop“ sind wie lange nicht mehr. Zu nennen sind hier vor allem die beiden vorab veröffentlichten Stücke „Real Friends“ und „No More Parties In L.A.“, von denen vor allem Letzteres mitsamt Madlib Produktion und Kendrick Lamar Beitrag für euphorische Reaktionen sorgte. Im Gesamtzusammmenhang wirkt es spätestens hier, bei den Songs, die Kanye nachträglich zur Tracklist hinzugefügt hat, jedoch so, als würde man einen Blick in das Westsche Notizbuch werfen und nicht ein fertiges Album anhören.

Genau dieser Punkt könnte „The Life Of Pablo“ auf lange Sicht zum Verhängnis werden: Es fehlt die einheitliche Vision, die Alben wie „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ oder zuletzt „Yeezus“ zu Meisterwerken werden ließ. Kanye möchte hörbar nach wie vor die Grenzen der Popmusik auflösen, was in Songs wie dem fantastischen, mit Gospel liebäugelnden „Ultralight Beam“ oder dem mit einem wunderbar beunruhigenden Streichersample spielenden „Freestyle 4“ zu tollen Ergebnissen führt. Doch über die 18, teils sehr knappen Songs kann zumindest ich kein durchgängiges Narrativ oder eine alles einende Stimmung erkennen.

Oder ist gerade diese Unentschlossenheit das Konzept des Albums? Auf der finalen Version des (ebenfalls immer wieder geänderten) Covers steht mehrmals „Which/One“ zu lesen, eingeklemmt zwischen einem Familienfoto und der Abbildung eines Gesäßes von üppigen Ausmaßen. Wofür soll man sich entscheiden? Den „Old Kanye“, den „Bad Mood Kanye“, den „Rude Kanye“? Ist vielleicht gerade die Kombination, die hier stattfindet, die große Stärke dieser Platte?

Allesamt besingt der Rapper jedenfalls im möglicherweise selbstironischen „I Love Kanye“, mit dem er spätestens den außermusikalischen Diskurs zurück auf das Album bringt und die Illusion zerstört, man könne sich an einem Sonntagmorgen gemütlich hinsetzen und „The Life Of Pablo“ endlich frei von Kontext hören. Der Madison Square Garden, die Kardashians, Kanyes Reue und seine Vermessenheit, sein kreativer Geist und seine maßlose Selbstüberschätzung münden hier in ein Werk von teils wunderschöner, teils schmerzhafter Zerrisenheit. Und da haben wir noch nicht über die Misogynie Vorwürfe gesprochen, die in den letzten Tagen vermehrt erhoben werden.

Wie soll all das nun knackig bewerten? Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Aber alleine die starken Einzelstücke rechtfertigen schon den Titel Album der Woche. Über den Rest können wir vielleicht bei der Jahresendauswertung sprechen.

Keine Ahnung/10

„The Life Of Pablo“ erscheint am 14.02. via GOOD Music und Def Jam als Stream und Download bei Tidal.


über den Autor

Sebastian

Sebastian lebt und studiert in Saarbrücken. Konzerte besucht und Musik hört er dort ebenfalls, wovon gelegentlich hier zu lesen ist: http://mordopolus.tumblr.com/