2012. Das kanadische Garage-Punk Duo Japandroids veröffentlicht sein zweites Album “Celebration Rock”. Der Titel ist Programm: acht schnelle Songs, verzerrte Gitarren und druckvoll treibende Drums. Lyrisch geht es um die klassischen Themen des Rock ‘n’ Roll: Wut, Liebe, Liebeskummer, ständiges Unterwegs sein, Pleite sein und Freundschaft. Im Prinzip die gleiche Formel, die bereits für ihr Debüt “Post-Nothing” so wunderbar funktioniert hat. Nur irgendwie energetischer und packender, den eigenen Sound perfektioniert. Die Rechnung geht auf. Die Fans lieben “Celebration Rock”. Die Medien ebenso. Im November 2013 haben King und Prowse am Ende der Celebration Rock World Tour mehr als 220 Konzerte in den Knochen und beschließen, dass es Zeit ist eine Pause einzulegen.

In dieser Zeit zieht Sänger und Gitarrist Brian King nach Toronto, während Schlagzeuger David Prowse in Vancouver wohnen bleibt. Erstmals ist die Band räumlich getrennt. Die spontanen Jam-Sessions, während denen an neuen Songs geschrieben wird, fallen damit weg und das Duo muss seinen Songwriting-Prozess den neuen Gegebenheiten anpassen. 2014 mieten sich die beiden über mehrere Wochen einen Haus in New Orleans, um an neuen Songs zu arbeiten. 2015 beginnen die Aufnahmen zu “Near to the Wild Heart of Life”. Es bleibt einem fast nichts anderes übrig, als an dieser Stelle die abgedroschene Floskel vom “schwierigen dritten Album” zu bemühen. Schließlich sind einige Fans gar der Meinung, dass die Band den Höhepunkt ihres musikalischen Schaffens erreicht hat und nach “Celebration Rock” eigentlich nichts mehr kommen kann.

Fast mag sich dieser Eindruck bestätigen. Nicht nur das Cover kommt mit dem für die Band üblichen Schwarz-Weiß-Foto daher, auch der vorab veröffentlichte Song und Album-Opener “Near to the Wild Heart of Life” klingt wie nach typischem Arme-in-die-Luft-Japandroids-Geschrammel samt Mitgröl-Lyrics: “And I got me all fired up, to go far away / and I make some ears ring from the sound of my singing, baby!”. Doch bereits beim anschließenden Heartland-Rock-infizierten “North East South West” treten Prowse und King das erste Mal kräftig auf die Bremse, umzu zeigen, dass doch nicht einfach alles beim Alten bleibt. Was im Anschluss folgt ist überraschend und experimentierfreudig, ohne dabei die eigene DNA zu vergessen. Wo früher maximal-verzerrte Gitarren dominierten, gibt es plötzlich auch Raum für Melodien, vielschichtigere Kompositionen und neue Sounds. Wabbernde Shoegaze-Sounds beim hymnenhaften “I’m sorry (for not finding you sooner)”, Synthies beim über sieben Minuten langen “Arc of Bar” oder die akustische Gitarre bei “In a Body like a Grave” bilden die wohl prägnantesten Beispiele.

Mit “Near to the Wild Heart of Life” verabschieden sich Japandroids vom rotzigen Sound von “Celebration Rock” und zeigen, dass es ihnen auch mit deutlich weniger Vollgas-Mentalität gelingt, mitreißende Songs zu schreiben, zu denen wir auch weiterhin mit voller Leidenschaft mitgrölen wollen.

“Near to the Wild Heart of Life” könnt ihr bereits in voller Länge hier streamen;

„Near to the Wild Heart of Life“ von den Japandroids erscheint am 27. Januar bei ANTI-Records.