Kleine Randnotiz zu Beginn, die durchaus einen Kontext herstellen kann, aber keinesfalls allzu verbindlich gelesen sollte, jedenfalls: Grizzly Bear und The xx veröffentlichten nicht nur beide 2009 Alben die in der langsam ausgelaugten Indiewelt für Furore sorgten, sie schickten diesen auch 2012 je einen beachtlichen Nachfolger hinterher und ließen sich anschließend nach extensivem Welttouren als Weltstars fünf Jahre Zeit, um neue Musik zu veröffentlichen. Hier endet die gewissentlich an allen Differenzen vorbeigezogene Parallele dann auch spätestens, denn während The xx monatelang an einem frischen Sound feilen mussten, hatten Grizzly Bear ganz profan keinen Bock mehr auf den ganzen Musikzirkus, bei dem sie trotz Werbedeals ohnehin nie so viel verdienten, wie man ob ihres Status vielleicht hatte annehmen können.

Dementsprechend ist ihr neues Album „Painted Ruins“ kein künstlerischer U-Turn geworden, sondern eine Rückkehr in jenes Terrain, das sie noch lange nicht erschöpfend vermessen hatten. Folk ist also weiterhin nur eine Basis, von der aus Psychedelic, Jazz, Ambient und Electronica sorgsam verknüpft werden. Noch perfektionierter als zuletzt gelingt es Grizzly Bear dabei, zwischen fordernder und eingängiger Rockmusik zu balancieren, ohne sich allzu sehr der Komplexi- oder Banalität zu verschreiben. Die Sogwirkung der poppigen Single „Mourning Sound“ durfte da als sirenenartige Versprechung verstanden werden, die nun das Album in seiner Gesamtheit einlöst.

Eine Exegese der Lyrics ist derweil weiterhin wenig ergiebig, Grizzly Bear funktionieren trotz klarer Positionierung in den sozialen Medien nicht über Kommentare und Inhalte, sondern Eindrücke. Wovon die beiden süßlich-sanften Frontmänner Ed Droste und Daniel Rossen sprechen: keine Ahnung. Aber wonach die Stücke klingen, nach Morgentau, nach surrender Wiese oder nach einer engen, mit zahlreichen Fächern ausgestatten Schachtel, meist jedoch nach einem idyllischen Ort (besonders deutlich: „Four Cypresses“), das kann in der Regel recht deutlich und differenziert benannt werden.

Verantwortlich dafür ist nicht zuletzt Christopher Bear, dessen Schlagzeugspiel dafür sorgt, dass es sich die netten Harmonien nicht allzu gemütlich machen. Regelmäßig legt er sich in die Kurve, arbeitet gegen den Takt und landet am Ende natürlich doch immer genau dort, wo ihn das Rhythmusgefühl des Zuhörers braucht, um nicht komplett hilflos in der Ecke zu stehen. „Cut-Out“ verpasst er in der Mitte sogar einen überraschend breitbeinigen Beat, der den Song im Anschluss nur taumelnd zurück in den üblichen Wohlklang entlässt.

Immer wieder steht dabei auch, wie sollte es anders sein bei einer tendenziell anspruchsvollen Rockband, Radiohead als Referenz im Raum, und auch wenn Grizzly Bear von einem Abziehbild weit entfernt sind, erinnert ihre feingliedrige Art der Komposition doch verschiedentlich an ihre britischen Kollegen: Wie sich etwa krummes Schlagzeug, Folk, Elektronik und Field Recordings auf „Three Rings“ zu einem harmonischen Ganzen fügen, erinnert vage an „The King Of Limbs“, während die schwelende Spannung, die den Closer „Sky Took Hold“ immer wieder heimsucht, auch manchem Stück auf „Amnesiac“ entstammen könnte.

Gemein ist beiden auch die Zeit, die sie sich mittlerweile zwischen zwei Alben lassen, nicht unbedingt um ihren Sound auf links zu drehen, sondern um sorgfältig an ihren Songs zu schleifen und Schichten bedacht, nicht jedoch um ihrer selbst Willen aufzutragen. Einfacher wird dieser Prozess nicht, gerade mit Blick auf jene räumliche wie projektbezogene Distanz, die sich auch bei Grizzly Bear mit der Zeit einstellte, doch ausgerechnet Chris Taylor, der als einziges Bandmitglied hier bislang keine Erwähnung fand, löste dieses Problem und eröffnete jenen Dropboxordner, in dem er und seine Kollegen Ideen entwarfen, austauschten und entwickelten. Zugegeben, keine allzu spannende Anekdote, die in ihrer unaufgeregten Souveränität jedoch voll und ganz dem Album gerecht wird, zu dem sie geführt hat.

„Painted Ruins“ erscheint am 18.08. via RCA auf Platte, CD und digital.