Es war bei Casper nie bloß ein Look oder Song, das Phänomen um den Rapper funktioniert vor allem in Addition seiner Teile: Die energetischen Liveshows, die Hooks, die Zitate, die Fachsimpeleien in Interviews, das manische Gefrimel an den Alben, die Vorbands, die Bewegung vom Cover der Spex bis in die Tiefen der Tumblr-Poesiealben. Wozu er hingegen nie so recht taugte, das war der genialische Heilsbringer, zu dem er im Anschluss an „XOXO“ gerne erklärt wurde, nicht nur aufgrund der Musikalität des Materials, sondern auch, weil es mit einer Wir-Rhetorik punkten konnte, von der sich etliche junge, nicht mehr ganz so junge und mit der Zeit auch sehr junge Hörer angesprochen fühlten.

Davon ist 2017 nicht mehr viel geblieben. „Der Kreis ist von heute an zu“, „Alles was ich will ist kein Teil von euch sein/In den Kreis pass ich einfach nicht rein“, das ist das Verständnis von Gemeinschaft, das „Lang lebe der Tod“ dominiert, mit altem Vokabular, aber neuer Konsequenz. Diese Platte handelt, aller Features zum Trotz, von Isolation, von demolierter Psyche, und wenn dann doch mal ein Wir auftaucht wie in eben zitiertem „Wo die wilden Maden graben“, „Morgellon“ oder dem vorab veröffentlichten „Sirenen“, dann in einem Modus zwischen Misanthropie, Karikatur und Paranoia. Noch nie war Revolution so ungreifbar fern.

Dabei roch „Lang lebe der Tod“ zunächst nach einer weiteren Aufbereitung klassischer Casper-Themen, sei es nun der schaulustige Titeltrack, das traurig in der Ecke tanzende „Keine Angst“ oder eben „Sirenen“ mit seinen zwischen diffuser Gewaltandrohung, abgetragenem Deutschpunkzitat und Revolutionsromantik schwankenden Lyrics. Im Gesamtkontext relativiert sich dieser Eindruck: Zwar kommen die alten Motive immer wieder hoch, aber weniger milde-nostalgisch als bitter-enttäuscht. Wo früher in locker herausforderndem Ton kleine Kreise um die eigenen Freunde gezogen wurden, da regiert nun eine absolute Verweigerungshaltung.

Casper textet dabei von einem Ich aus, zu dem sich deutlich schwieriger eine Verbindung aufbauen lässt als zu dem vom Alltag zermürbten Protagonisten in „Auf und davon“ oder dem großmäuligen Außenseiter auf „Hin zur Sonne“. „Lang lebe der Tod“ steht in dieser Hinsicht eher in der Tradition eines „808s & Heartbreak“, eine desillusionierte Reflektion des erreichten Status, ein eisiger Gruß aus dem popkulturellen Elfenbeinturm. Von dieser Warte aus erfolgt Caspers üppige Gesellschaftskritik, eben nicht als Einwand eines besorgten Beobachters, sondern als nihilistisch aufgeladener Kommentar eines Betroffenen.

Vor allem die (Boulevard-)Medien dürfen sich in den Texten regelmäßig Schellen abholen, nicht zuletzt aber auch ihre Perpetuum-Mobile-Fortsetzung in Form von Youtube- und Instagram-Stars und nebenbei natürlich auch jene Teile der Rapszene, die nicht nur stilistisch (wie noch auf „Jambalaya“), sondern vor allem moralisch whack sind. Besonders versiert erfolgt dieser Rundumschlag im jüngst veröffentlichten „Alles ist erleuchtet“, sowohl inhaltlich als auch technisch. Es ist eine der wenigen Stellen der Platte, auf denen Casper sein Talent als Rapper mit außergewöhnlichem Sprachgefühl zur Schau stellt. Ansonsten ist es nicht selten der zuletzt auf „Hinterland“ ausgebaute Singsang, der in einer weniger stadiontauglichen Auflage das Album dominiert.

Im Gegensatz zum Vorgänger gelingt es „Lang lebe der Tod“ jedoch, sich musikalisch wie thematisch vorsichtig zu öffnen und damit einen Weg aus der Indie-Folk-Pop-Coming-Of-Age-Sackgasse zu finden, die sich zuletzt drohend abzeichnete. Das Ergebnis klingt mal krude wie die Portugal The Man/Ahzumjot Kollaboration „Lass sie gehen“, mal hittig und ab und an auch schmerzlich reduziert („Deborah“), aber selten so radikal, wie es die vorab publizierte Spotify Playlist mit als Inspiration dienender Musik in Aussicht stellte. Casper bleibt mit diesem Album, trotz vereinzelter Widerhaken, potenzieller Headliner, beweist dabei aber gemeinsam mit Intimus Markus Ganter ein exzellentes Gespür für unkonventionelle Wege, die knapp am Mainstream vorbeiführen.

Die wuchtige erste Single war ein guter Indikator für diesen Aspekt des Albums, vor allem mit Blick auf die bizarre Feature-Konstellation aus Sizarrs Fabian, Dagobert und Blixa Bargeld, die das gängige Verständnis von Sample und Stimmeinsatz im Hip Hop neu zur Diskussion stellte, ohne dabei einen emotionalen Mehrwert vermissen zu lassen. Derartige Expeditionen in Richtung Krach finden sich unter der Verschwörungstheoretiker-Rollenlyrik „Morgellon“ ebenso wie in „Sirenen“, während „Wo die wilden Maden graben“ tatsächlich eine irgendwo zwischen JUZ und Stadion hängende Deutschpunkhymne geworden ist und als solche auch noch funktioniert.

Es sind jedoch weniger derartige Extrempunkte, die „Lang lebe der Tod“ auszeichnen, sondern eher die Kombination der Ansätze, in der auch das zunächst ein wenig zu eng an der Thees Uhlmann Kollaboration „XOXO“ gedachte „Keine Angst“ mit einem überzeugenden Drangsal seine Berechtigung hat. Dabei muss und sollte man nicht den abgetakelten Begriff des „Gesamtkunstwerks“ bemühen, um sich der Platte zu nähern, denn im Grunde ist sie trotz (oder gerade wegen) der langen Arbeitszeit ein heilloses Durcheinander. Zwar ziehen sich die beiden Themen des Titeltracks, Todessehnsucht und Voyeurismus, durch die gesamte Platte, doch schlagen Casper und Ganter zu viele Haken, um am Ende jedem Ansatz voll gerecht werden oder zu einem wirklich stimmigen Ergebnis gelangen zu können.

Ausgerechnet dort, also dem zeitlichen Ende der Platte, ist mit „Flackern, Flimmern“ dann auch ein Stilbruch platziert, der in seiner Heterogenität für die Qualitäten des Albums bürgt: Nach dem klaustrophobischen Depressions-Blues „Deborah“ adressiert Casper erneut das Thema psychische Krankheit, findet Heilung aber ausgerechnet in einer speziellen Spielform des eigentlich nur noch als zynische Replik auf frühere Hoffnungen denkbaren „Wir“: der romantischen Zweierbeziehung. Textlich schielt er dabei immer wieder auf die Ian-Curtis-Überblendung „Kontrolle/Schlaf“, gepaart jedoch mit der Zufriedenheit des Hinterland-Closers „Endlich angekommen“ und getoppt von einem Part, der mit (abgemilderten) Blastbeats, Weltuntergangspostrock und Gekreische im Untergrund tatsächlich an den schizophrenen Post-Black-Metal der per Playlist angeteaserten Deafheaven sind. Ein Moment, der zwar konstruiert wirkt, aber seinen Effekt nicht verfehlt: Der bis dahin interessante, aber nicht überragende Song, wird zu einem angenehm selbstreferentiellen Höhepunkt der Platte.

Bei derart viel Existenzialismus gepaart mit unbedingtem Willen zu künstlerischem wie persönlichem Masochismus ist die Märtyrerrolle natürlich schnell auf den Leib geschneidert, zumal Casper seit „XOXO“ ohnehin der Ruf des getrieben Genies anhängt. „Lang lebe der Tod“ muss also zwangsläufig, alleine um der Verschiebung im Vorfeld gerecht zu werden, eine Offenbarung sein, die Benjamin Griffey in einer Nahtoderfahrung der dunklen Nacht seiner Seele abgerungen hat. Ein Maßstab, den – gerade bei allem Respekt für den Menschen hinter der öffentlichen Figur Casper und seine persönlichen Probleme – kein Album dieser Welt ernsthaft erfüllen kann. „Lang lebe der Tod“ gibt sich im Grunde auch keine Mühe zu kaschieren, wie viel Arbeit in seine Entstehung investiert wurde, vereinzelt zum Nachteil der Platte, vor allem jedoch zugunsten geschliffener Texte, ergiebiger Brüche und experimenteller Klänge. Wohin all das führt scheint unklar, und genau dieses in alle Richtungen offene Hadern und Zweifeln macht „Lang lebe der Tod“ zu einer lohnenden, den Stärken des Phänomens zuarbeitenden Angelegenheit.

„Lang lebe der Tod“ erscheint am 01.09. via Columbia auf Platte, CD und digital.

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