aphex-twin-birthday-album

Als sich 2014 nach Jahren der Stille Aphex Twins Rückkehr am Horizont abzeichnete, jubilierte grundsätzlich erst mal jeder, der irgendetwas mit elektronischer Musik anfangen kann. Erst im zweiten Schritt, als mit „Syro“ dann tatsächlich das erste Album seit 13 Jahren vorlag, regte sich Kritik an der Tatsache, dass Aphex Twin das Schicksal so vieler zurückgekehrter Legenden teilte: Es gelang ihm nicht erneut, die vorgefundene Musiklandschaft neu zu definieren, und zog damit im Vergleich zu Epigonen wie Arca oder Actress, die ebenfalls 2014 gelobte Alben veröffentlichten, den Kürzeren. Der ehemalige Avantgardist war zur Ikone erstarrt.

1996 sah die Situation natürlich noch ganz anders aus. Rock war gerade als Sound der Stunde gescheitert, Hip Hop gewann im Mainstream verstärkt an Relevanz und elektronische Musik köchelte nebenbei aus den Clubs zu einer Massenbewegung hoch, am deutlichsten erkennbar in Form von Raves. Trotz dieser ekstatischen Großveranstaltungen schien es innerhalb der Szene jedoch ein gänzlich anderes Verständnis von Individualität als im Rock zu geben. Mit Grunge hatte Gitarrenmusik gerade wieder das Versprechen von Authentizität und den Wert der verschwitzten Zusammenkunft von Band und Fan in den Raum gestellt, und nun kam diese ominöse Clubmusik, die auch vollkommen ohne Persönlichkeit zu funktionieren schien, die Tracks entkoppelt vom Künstler, das Individuum nur Teil der tanzenden Menge.

Zugleich gab es in der Mitte der 90er verstärkt Bestrebungen, diese Trennung aufzubrechen. Björk kombinierte Einflüsse aus Electronica mit ihrer exzentrischen Stimme und Pop-Strukturen, Portishead präsentierten sich als klassische Band mit weniger klassischem Sound und The Prodigy machten sich auf den Weg, tatsächlich soetwas wie Rockstars zu werden, Meltdown und drohende Irrelevanz im Alter inklusive. Gerade bei ihnen funktionierte die Überwindungen der Differenzen zwischen Rock und Elektro durch eine Vermischung beider Spielarten: Elektronische Sounds wurden zu Rocksongs, Rocksamples flossen in elektronische Stücke und die Tänzer verwandelten sich in Sänger, was Maxim und Keith Flint zu dem Irrglauben verleitete, sie sollten diesen Ansatz im Rahmen einer Solokarriere weiterverfolgen.

Dieser simplen Lösung stellte Aphex Twin einen alternativen Weg entgegen, der zwar nicht auf die Rock-Am-Ring-Hauptbühne, wohl aber in die ewigen Bestenliste führte; er ließ die Konventionen beider Genres hinter sich und suchte nach Bildern und Klängen abseits des abgesteckten Terrains. Die Manier, in der „Richard D. James Album“ als eine Art Kulminationspunkt dieser Entwicklung Lärm und Melodie, Anstrengung und Wohlklang miteinander verbindet, trägt bis heute zur Faszination des Albums bei. Obschon Aphex Twin in den Jahren zuvor bereits mehrfach bewiesen hatte, dass von den Selected Ambient Works bis zum schrillen „Ventolin“ innerhalb dieses Projekts alles möglich ist, fasste dieses Album beide Tendenzen enorm verdichtet zusammen.

Nun finden sich sanfte Melodien, irrwitzige Samples und vollkommen depperte Beats in knapp über 30 Minuten zusammen, läppisch hingeworfen, als wäre die Kombination dermaßen konträrer Komponenten keine nennenswerte Leistung. „Richard D. James Album“ klingt damit immer auch ein wenig wie eine Verhöhnung der Konkurrenz, die noch immer mühsam an der Optimierung möglichst zeitgemäßer Sounds schraubt, die Aphex Twin längst hinter sich gelassen hat. Tanzbarkeit hat hier, wenn überhaupt, sekundäre Bedeutung. IDM, Intelligent Dance Music, als Genrebezeichnung passt, da die Musik Köpfe zugleich zum Träumen anregen und platzen lassen möchte.

Von Beginn an wird dieser Zwispalt eröffnet, als der Hörer unvermittelt in den Opener „4“ geworfen wird: Um einen eskalierenden Beat gruppieren sich liebliche Melodien, ergeben eine Einheit, obwohl sie sich eigentlich abstoßen müssten, gerade in dieser nur vorgeblich simplen Komposition, die immer wieder spielerisch möglichst abseitige Samples einfließen lässt. Teils führt das zu nahezu unhörbaren Ergebnissen, wie dem nervösen „Carn Math“, gerne aber auch zu Schabernack wie der mit einer Alptraumorgel ausgestatten Zirkusnummer „Logan Rock Witch“ oder dem mit einer Kinderstimme arbeitenden, erstaunlich harmonischen „To Cure A Weakling Child“.

Dass die Stimme bis zur Unkenntlichkeit gemorpht und zerhackt wird, passt in den Zwist zwischen Elektro-Anonymität und Rock-Identität, den Aphex Twin hier deutlich wie nie zuvor thematisiert. „Richard D. James Album“ heißt wie der Mann hinter dem Projekt, sein Gesicht prangt als sinistre Fratze auf dem Cover, auf dem zur Single „Girl/Boy Song“ ist sogar der Grabstein seines gleichnamigen, älteren Bruders abgebildet, und doch erfahren wir nichts über den Menschen Richard D. James. Die Presse stilisiert ihn, befeuert durch seine Aussagen, zum autarken Genie, einem Komponisten klassischer Ausmaße, was den Gedanken der Entkopplung von Mensch und Produkt in der elektronischen Musik in Richtung Künstleridentität weiterdenkt.

Sein Gesicht wird in der Folge zur Ikone des Grauens, er ist dadurch hypersichtbar und identitätslos zugleich. Im Video zu „Come To Daddy“ multipliziert er sich zu einer Bande von Kindern, die eine abstrakte Bedrohlichkeit ausstrahlen, ohne tatsächlich irgendeine Form von Gewalt auszuüben und damit greifbar zu werden. Sie funktionieren als Ausdruck des leeren Personenkults, den Aphex Twin zur grausigen Parodie aufbauscht: Dieser Richard D. James wird zur Ikone, ohne dass wir wissen, was er will, wofür er steht oder zumindest, was dieses Grinsen soll.

Doch eben damit verlieh und verleiht Aphex Twin Tendenzen Ausdruck, die im Jahr 2014 (und natürlich auch 2016) relevanter denn je waren und sind. Eigentlich sagt uns die Pop-Geschichte, dass Musik nach 20 Jahren höchstens gut gealtert sein kann oder mit reizvoller Patina ausgestattet ist. „Richard D. James Album“ klingt hingegen noch immer zeitlos und gibt zugleich einen Kommentar auf unsere digitale Erlebniswelt ab, in der wir uns permanent inszenieren, ohne uns dieser Sendefunktion zwangsweise bewusst zu sein. Einen besseren Zeitpunkt um Aphex Twin im Allgemeinen und diese Platte im Besonderen zu genießen, gab es kaum.