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Über Brand New liegt ein Schatten. Sänger, Gitarrist und Hauptsongwriter Jesse Lacey wollte dieses Jahr gemeinsam mit seiner Band eigentlich endlich ein neues Album fertigstellen, veröffentlichte auch bereits zwei Songs, doch statt einer neuen Platte gab es zunächst nur die EP „3 Demos Reworked“, die drei Stücke der ebenfalls jüngst publizierten Kompilation „Leaked Demos 2006“ reinterpretiert. Schließlich folgte die offizielle Ansage, es gäbe in diesem Jahr kein neues Album mehr, stattdessen begebe sich die Band anlässlich des zehnten Jubiläums von „The Devil And God Are Raging Inside Me“ auf Tour. Dabei hatten Brand New doch gerade wieder Fahrt aufgenommen, und sei es nur in Form von Konzerten, die sich vor allem an bereits bekanntem Material bedienten – nicht zuletzt der Songs ihres dritten Albums.

Ironischerweise waren es ja gerade die Arbeiten an „The Devil And God Are Raging Inside Me“, die Brand New vor zehn Jahren bereits in eine ähnliche Situation brachten, nicht zuletzt aufgrund eben jener durchgesickerter Demos, die 2016 eine neue Bearbeitung erfuhren. 2006 hingegen gewöhnte sich die Musikindustrie gerade erst langsam an den Umstand, dass Alben vor ihrem Release ins Netz sickern, doch besonders furchtbar war es natürlich, wenn Stücke in einem empfindlichen Rohzustand an die Öffentlichkeit gerieten. Entsprechend negativ reagierte vor allem Lacey auf den Leak; das kurz vor den finalen Aufnahmen stehende Material verwarf er größtenteils und stieg von Neuem in den Songwritingprozess ein.

Vergleicht man die Tracklisten des Leaks und des regulär veröffentlichten Materials, fallen dennoch Parallelen auf: „Sowing Season (Yeah)“ exisiterte bereits in einer sehr basalen, rumpeligen Version, ebenso wie eine ruhigere Ausgabe von „Luca“, und Stücke wie „Brother’s Song“ oder „Fork And Knife“ schafften es als B-Seiten und Singles an die Oberfläche. Ein Zeichen dafür, dass Lacey langsam seinen Frieden mit Stücken machte, die er selbst zunächst als „wasted“ bezeichnet hatte. Letzten Endes führte dieser Leak jedoch auch dazu, dass Brand New erneut mit sich in Klausur gingen und den Inhalt des Openers in spe – „Sowing Season (Yeah)“ – zum Motto erhoben: Einen optimistischen Neuanfang trotz aller Widrigkeiten wagen.

Bereits dieses frühe Stück geht zudem mit einem zentralen lyrischen Bestandteil des restlichen Materials schwanger: Religiöse Elemente durchziehen das gesamte Album, jedoch nicht im preisenden Gestus christlicher Rockmusik, sondern vielmehr um eine Grundlage für Überlegungen zu elementaren Fragen über Leben, Tod und Moral zu stellen, an denen Band wie Hörer ordentlich verzweifeln können. 2006 war schließlich auch das Jahr, in dem My Chemical Romance mit „The Black Parade“ den langsam zur eigenen Subkultur avancierenden Emo-Trend wirkungsmächtig im Mainstream installierten und damit endgültig die Verbindungen zu den Wurzeln des Genres kappten.

Zugleich öffneten sie Tür und Tor für deutlich weniger talentierte Nachahmer, die vor allem an einer leicht vermarktbaren Kombination aus emotionalem Gesang sowie den wohlbekannten Strukturen des Pop-Punk interessiert waren und damit den Ruf des Genres nachhaltig demolieren sollten. Brand New, tendenziell auch irgendwie Teil dieser Bewegung, grenzten sich gerade zu diesem Zeitpunkt von diesem bereits vom künstlerischen Abstieg bedrohten Trend ab, verweigerten einem nach Singles gierenden Markt eben jene und suchten stattdessen nach eigenen Formaten, die für eine unbetitelte Instrumentalminiatur ebenso Platz vorsahen wie für das Epos „Limousine (MS Rebridge)“, das in der Mitte des Albums mit einem soliden Gefühlsausbruch inmitten eines ordentlichen Scherbenhaufens aufwartet.

Als Aufhänger fungiert dabei die tragische Geschichte der siebenjährigen Kate Flynn, die auf dem Rückweg von der Hochzeit ihrer Tante bei einem Verkehrsunfall starb, den ein alkoholisierter Autofahrer herbeigeführt hatte. Ein Einzelschicksal, das in den Händen anderer leicht zu einem pathetischen Appell hätte verkommen können, doch Brand New fanden einen Weg, um den emotionalen Gehalt der Geschichte zwar greifbar zu machen, zugleich aber mithilfe multiperspektivischen Erzählens gleich mehrere Dimensionen des Schreckens aufzuzeigen. So sind es neben Laceys frühem Ausbruch gerade der resignierende Part, den er aus der Perspektive des bereuenden Mörders erzählt, sowie der sieben Mal wiederholte, in eine atemberaubende Klimax mündende Refrain, die das volle Ausmaß der Tragödie annähernd spürbar machen.

Auch hier ist es wieder christliche Ikonographie, die das private Unglück auf eine höhere Ebene hebt: Der Messias selbst ist derjenige, der sich erschöpft von diesem allumfassenden Elend abwendet, das sich durch sein ultimatives Opfer nicht geändert hat. Dieser Weg funktioniert natürlich in beide Richtungen: Einerseites wird das Leid des Einzelnen transzendiert, andererseits lässt sich diese überspitzte Differenz zwischen Gott und Teufel in faustischer Tradition sinnbildlich für den zwischen dem ‚Guten‘ und ‚Bösen‘ zerrissenen Menschen lesen. Von dieser Banalität des Bösen erzählt auch das Cover, eigentlich eine Fotoarbeit des New Yorker Künstlers Nicholas Prior: Die finsteren Absichten, gekleidet in schwarze Roben und Pantoffeln, lauern immer schon um die Ecke, vor der das unbescholtene Kind noch steht. Jesse Lacey befindet sich irgendwo dazwischen und sucht nach einem brauchbaren Kompass für sämtliche Lebenslagen.

Dementsprechend wir Jesus Christus im (beinahe) gleichnamigen Song nicht nur zum Ratgeber in Erlösungsfragen, sondern ebenso was persönliche Probleme wie Einsamkeit angeht – schließlich war er ja auch mal drei Tage tot, und in dieser Zeit muss er ja irgendwas gemacht haben. Passend zu dieser fast schon flapsigen Art ist die zugehörige Musik locker, mit Singer/Songwriter-Elementen angereichert, wie sie auf dem Album zwar vereinzelt immer wieder, aber selten so konzentriert auftauchen. Ähnlich kontemplativ fällt nur das mit Streichern operierende, angenehm unentschlossen ausklingende „Handcuffs“ aus, das maßgeblich von Gitarrist Vin Accardi geschrieben wurde. Typischer sind jedoch jene dialektischen Laut-Leise-Strukturen, wie sie der Opener „Sowing Season (Yeah)“ etabliert und sie „Limousine (MS Rebridge)“ virtuos bedient.

„Degausser“ und „You Won’t Know“ umrahmen Letzteren nicht umsonst, sie funktionieren auch ähnlich, transportieren die Kapitulation vor den Umständen ebenso wie das letzte, hoffnungsvolle Aufbäumen. Auch das auf diese Trias folgende Instrumental „Welcome To Bangkok“ fügt sich in diese aufgeladene Atmosphäre mit explodierenden Post-Rock-Gitarren als erzählerisches Mittel ein, treibt die Ergriffenheit sogar auf einen vorläufigen Höhepunkt, bevor mit „Not The Sun“ und vor allem „The Archer’s Bows Have Broken“ ein Hauch von Pop-Appeal Einzug in das Album hält. Gerade weil es Brand New jedoch nie ganz aus dieser Spirale konträrer Emotionen herausschaffen, wirkten sie reichlich deplatziert, als sie im Frühjahr 2007 in einigen US-amerikanischen Late Night Shows auftreten durften.

Im Gegensatz zu ihren Kollegen suchten sie nach Wegen, große Emotionen nicht auf ein möglichst leicht konsumierbares Niveau abzuflachen oder notorisch zum großen Theater aufzubauschen, das My Chemical Romance etwa im Anschluss an „The Black Parade“ auch nicht mehr toppen konnten. Dass auch Brand New in den Jahren nach 2006 ins Straucheln gerieten, wirkt vor dieser Kulisse ebenso paradox wie logisch. Zwar hatten sie ein eigenes, komplexes Klangbild kreiert, an dem sie leicht hätten andocken können, doch war gerade dieses nun erneut einsetzende Zweifeln typisch für Inhalt und Entstehungsprozess ihrer Musik.

Mit „Daisy“ folgte drei Jahre später zwar ein Album, das den Ansatz seines Vorgängers weiterdachte und weitegehend positiv rezipiert wurde, bisher jedoch ohne Nachfolger blieb. Brand New veröffentlichten in diesem Jahr statt eines neues Albums einen Brief mit eingangs erwähnter Verschiebung des neuen Materials auf unbestimmte Zeit, eben weil „The Devil And God Are Raging Inside Me“, mit dem sie nun ja auf Tour gehen, noch immer mehr unerreichbarer Maßstab denn Blaupause für die Band zu sein scheint, gerade mit Blick auf ihr für 2018 in Aussicht gestelltes Ende. Sollte dieses tatsächlich eintreten bevor Brand New sich auf ein weiteres Album einigen konnten, wäre dies zwar ein Verlust, doch es bliebe immerhin eine lupenreine Diskographie inklusive einer Platte, die zu den unbestrittenen Meilensteinen emotionaler Rockmusik zählt.